Ein Alltagsschicksal in der Schweiz – Das Reich des Mittelstandes

Von Roland Nitsche, Ziiridi

Wir haben eine schweizerische Familie desMittelstandes besucht, die helvetischen Jedermanns sozusagen ... Wir wollen sie Aebi nennen. Sie wohnen hier und dort. Sie sind in Zürich, Bern und Basel zu Hause. Man trifft sie täglich zu Tausenden in der Tram, im Laden und im Kino. – Herr Aebi ist ein "kleiner Mann", Buchhalter oder erster Verkäufer. Er verdient 850 Franken im Monat. Seine Tochter ist Bürofräulein, keine erste Sekretärin "mit vier Sprachen in Wort, Schrift und Stenogramm", die bis 800 Franken im Monat verdient, nein, sie ist eine kleine Anfängerin mit zwei Jahren Praxis und verdient 450 Franken im Monat. Herr Heiri Aebi junior ist dreiundzwanzig und bei der Post beschäftigt. Er fühlt sich mit 500 Franken mit Recht nicht gut bezahlt. Das Familieneinkommen bei Aebis beträgt also summa summarum 1800 Franken.

Frau Aebi macht es sich nicht leicht. Wohl hat sie – ihr Vater ist ein Altspenglermeister, der sich nahe der Stadt ein "Heimetli" gekauft hat und von der Rente lebt – wohl hat sie Mitgift und Aussteuer mitgebracht. Aber mit dem "Haben" ist es nicht getan. Es geht ums Erhalten und Vermehren. So spart sie, strickt sie, scheuert sie und strickt und spart. Sie kauft nur dort, wo man ihr ein Rabattsparbüchlein gibt, macht "Putzete", wenn sie ein Stäubchen findet, und lebt drei Viertel ihres Lebens im Schürzenkleid, doch nicht ohne Erfolg: das Röseli hat sich verlobt ...

Ach, es ist nicht so, daß dies eine Verlegenheit wäre. Der Zukünftige ist etwas, hat etwas und wird etwas. Und hat nicht Röseli bei der Geburt vom "Götti" ein Sparheft bekommen, in das jedes Jahr eingezahlt wurde? Schon hat sie die typische Aussteuer für drei Zimmer gekauft, die 8000 Franken kostet. Sie hat gutes Berner Leinen, Langenthaler Porzellan. Sie hat alles von dem Sparbuch gekauft und sie hat selbst das Zentralproblem schweizerischer Hausfrauen, das des Bettinhaltes, zugunsten von echten Roßhaarmatratzen gelöst. Denn das Röseli kann’s und vermag’s.

Nicht weil es vermögend wäre – es würde lachen, wollte man ihr das sagen! –, sondern weil es sparsam war. Daheim trug Röseli ihr Schürzenkleid; im Büro trug sie die Büroschürze, und ein Paar neue Strümpfe waren für sie immer die Seufzerbrücke zum Rendezvous. Röseli ist heute 21, aber ein Sparbuch, das durch 21 Jahre nur für Einlagen angerührt wurde, verträgt einen tüchtigen Puff.

Herr Aebi hat keine Papiere verkaufen müssen. Er ist 53 und hat seit 30 Jahren gespart. Nicht viel – nein, das konnte er nicht; er ist kein Bankdirektor, kein Fabrikant und kein Generalvertreter, er ist der mittelständische Mister Everybody in Zürich, Bern oder Basel. Im Büro trägt er Ärmelschoner und daheim Pantoffeln. So konnte er im Lebensdurchschnitt monatlich nur 100 Franken zurücklegen. Das macht immerhin in dreißig Jahren 36 000 Franken! Mit der Verzinsung, die früher besser war, macht’s sogar 50 000 Franken. Mit der Mitgift seiner Frau 70 000 Franken. Mit deren Verzinsung 80 000 Franken ... Heiri Aebi, der kleine Postbeamte, und Röseli, das sich verlobt hat, dürfen getrost in die Zukunft blicken ...