Die militärische Entwicklung in Korea ist in der dritten Woche noch immer überaus besorgniserregend. Sie spitzt sich zu auf einen Wettlauf zwischen den 8 bis 10 nordkoreanischen Divisionen und den Truppen, welche von der amerikanischen Westküste nach Korea in Marsch gesetzt wurden. Die amerikanischen Transporter haben hierbei ungefähr 12 000 km Seeweg zurückzulegen, die Nordkoreaner ungefähr 300 km.

Man mag zuerst in Washington geglaubt haben, daß eine oder zwei Divisionen aus Japan, wo sich im ganzen nur vier befinden, genügen würden, Südkorea bis zum 38. Breitengrad zu säubern. Doch hat sich seither erwiesen, daß die nordkoreanischen Truppen nicht nur gut ausgebildet, sondern auch gut bewaffnet und geführt sind. Das hat manche Beobachter zu der Vermutung gebracht, daß die Invasionsarmee hauptsächlich aus Teilen von fünf oder sechs koreanischen Divisionen gebildet worden ist, welche noch die Japaner aufgestellt und im chinesischen Krieg eingesetzt hatten. Dies sollen infolge eines hervorragenden Trainings ausgezeichnete Einheiten gewesen sein, während sonst mit den Koreanern in militärischer Hinsicht nicht viel anzufangen sei. Dies letztere scheint sich durch das mehr oder weniger spurlose Verschwinden der südkoreanischen Armee vom Kriegsschauplatz zu bestätige. Diese Armee war allerdings hauptsächlich nur für Polizeiaufgaben, nämlich Grenzschutz und Bekämpfung von Guerillabanden, ausgebildet und bewaffnet, ohne Luftwaffe und ohne Artillerie. Seither liegt die Hauptlast des Kopfes auf den amerikanischen Truppen, die den Krieg, ebenso wie ihre Gegner, vorerst noch mit den Waffen des zweiten Weltkrieges führen.

Die Schwierigkeiten, vor denen die Amerikaner stehen, sind offenkundig sehr groß. Die Regenzeit, die erst vor einigen Wochen begonnen hat und bis in den Spätsommer dauert, hindert die Luftwaffe am Eingreifen in die Bodenkämpfe und an einem genauen Zielbombardement der feindlichen Verbindungslinien. Oft muß aus. 2000 Meter Höhe und mehr mit Hilfe von Radar geworfen werden. – Die Operationen sind auch dadurch enorm erschwert, daß die schweren Bomber mangels geeigneter koreanischer Flugplätze in Japan starten müssen, daß ferner die moderneren, sehr schnellen Typen für den Erdkampf nicht geeignet sind und daß schließlich, was am schlimmsten ist, zunächst keinerlei Nachrichtensystem vorhanden war, das die erste Bedingung für eine schlagkräftige Zusammenarbeit zwischen der kämpfenden Truppe am Boden und den Einheiten der Luftwaffe und der Marine ist.

Außerordentliche Schwierigkeiten verursacht auch der Charakter des Landes. Korea, ungefähr so groß wie Westdeutschland, erinnert mit seinen zahlreichen Gebirgen, die meist bis auf 1000 und 2000 Meter ansteigen, sehr stark an den Balkan. Das Straßensystem ist schlecht, zum Teil zur Regenzeit kaum benutzbar. Die Bevölkerung scheint sich gegenüber dem Kriege sehr zurückhaltend zu betragen, was nach einer Geschichte, in der Korea, besonders in den letzten 300 Jahren, bald von den Chinesen, bald von den Japanern beherrscht wurde, begreiflich sein mag.

Unter diesen Umständen wird man sich nicht wundern dürfen, wenn durchschlagende Erfolge der amerikanischen Truppen einstweilen ausbleiben und wenn sich McArthur, bis ausgiebige Verstärkungen aus Amerika ankommen, auf hinhaltende Kämpfe beschränkt. Das jedoch ist nicht nur aus Prestigegründen, sondern vor allem deshalb unangenehm, weil eine schnelle Wiederherstellung der Ordnung in Korea die beste Chance für eine Lokalisierung des Konfliktes bedeutet hätte. H. A.