Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Juli

Wir haben in der falschen Front gestanden": dies ist der Damaskussatz Vincenz Müllers, mit dem er eben jetzt wieder einen "Offenen Brief" an die ehemaligen Berufsoffiziere und Nazis gestartet hat. Das klingt selbstkritisch, ehrlich und suggestiv für den Korps-General, der das Schicksal der 4. Armee an der russischen Mittelfront besiegelte. Nicht Paulus, der noch immer in der Sowjetunion festgehaltene Feldmarschall, und nicht General von Seydlitz, der verschollene Chef des "Deutschen National-Komitees" von Moskaus Gnaden, sind die prominenten Plakatträger für den in Rußland Anlehnung suchenden "deutschen Nationalismus" geworden, sondern Vincenz Müller. Er hatte, nachdem er sowjetischer Gefangener geworden war, im "National-Komitee" der Ulbricht und Weinert, zunächst wenig Resonanz. Dafür aber schaltete er den "Bund deutscher Offiziere" in den sowjetischen Lagern sehr aktiv auf die politisch gewünschte Linie.

Die Antifaschule, die er mit dem ehemaligen General von Lenski zusammen in Moskau besuchte, gab jenen höheren deutschen Offizieren, die der politische Ehrgeiz stach, den letzten Schliff. Denn der heutige Vorsitzende der "Nationaldemokratischen Partei" der Sowjetzone tendierte schon immer über die bloßen Kommiß-Gedanken hinaus zur politischen Strategie. Schon früher in der Operationsabteilung der Reichswehr und dann als Adjutant des politischen Generals Schleicher mag er das Interesse für jenen militanten östlichen "Pazifismus" gewonnen haben, den er heute predigt.

Es ist vielleicht möglich, daß Müllers Verbindungen zur ostzonalen Volkspolizei nicht so eng sind, wie die Gerüchte behaupten, die ihm die geheime Leitung der gesamten militärischen Ausbildung der wachsenden Ost-Armee zuschreiben. Aber die Kommunisten alter Schule, die heute die leitenden Volkspolizei-Posten innehaben, sind freilich nicht die eigentlichen Generalstäbler und Ausbilder. Müller trägt heute öffentlich einen unmilitärischen Habitus zur Schau; doch die Partei, die er zusammen mit dem Moskau-Emigranten Dr. Bolz repräsentiert, ist anerkanntermaßen nur dazu da, die ehemaligen Militärs und PGs aufzufangen und sowjetfreundlich zu lenken. Wenngleich dem geborenen Katholiken, Müller auch die Bekenntnisfreude und die ideologische Bestimmtheit liegt, so läßt er sich lieber noch als der fähigste militärische Kopf preisen, der Deutschland auf den sowjetischen Weg bringen will.

Es hat den Anschein, daß Moskau diesem kleinen, drahtigen Mann mit der hohen intelligenten Stirn und den geprägten Zügen den Konvertiten ehrlich glaubt, denn Müllers politische Reden auf den Parteitagen der NDP und den Zusammenkünften des "Demokratischen Blocks" sprechen unumwundener die Sprache der Moskauer Parteischule, als die gleichgeschaltetsten Kanzelreden der bürgerlichen Sateltenpolitiker. Das soll nicht heißen, daß aus dem General ein bloßer sowjetdeutscher Politiker geworden wäre. Die Generale, Obersten und Gauamtsleiter, die sich mit Müller in einem friedensseligen Brief an ihre westdeutschen Kameraden und Kollegen von gestern gewandt haben, glauben sich ihrer professionellen Verwendung für morgen und übermorgen gewiß. Müllers Pazifismus von heute hat mit dem Schritt der Deimling und Schönaich nach dem ersten Weltkrieg nichts zu tun, denn er überläßt wohl augenblicklich die Uniform der Volkspolizei seinen altgedienten kommunistischen Freunden, aber daß er heute schon seine Eigenschaften als ehemaliger Generalstäbler mehr zu betätigen hat als sein politisches Organisationstalent, ist ebenso gewiß, wie daß er beauftragt ist, durch seine Aktion "wir reichen euch die Hand, Kameraden? die Berufsoffiziere und Nazis Westdeutschlands für das sowjetische Abenteuer reif zu machen.