Eindrücke von einer Reise nach Göttinger

Von Berthold Lammert

Unser naturwissenschaftlicher Mitarbeiter besucht in diesen Wochen die Institute der Max-Planck-Gesellschaft, um der deutschen Öffentlichkeit einen Überblick über den Stand der deutschen Forschung am Ende des fünften Nachkriegsjahres zu geben. Dem ersten Bericht über die Göttinger Forschungsstätten werden bald weitere über die an anderen Plätzen untergebrachten Institute folgen.

Dem aus den zerbombten Großstädten Hamburg und Hannover im unversehrten Göttingen ankommenden Reisenden entgeht zwar nicht die auch hier vorhandene Menschenfülle, und doch spürt er den Frieden der Universitätsstadt. Dabei drängen sich ihm zwei Erscheinungen auf. Sein Schritt wird nicht durch Autoschlangen, wohl aber, fast wie in Kopenhagen, durch Radfahrerkolonnen gehemmt. Und weiter: die Göttinger Männerwelt kennt keine Kopfbedeckungen. Allerdings hat diese Mode eine gute Seite. Schon nach kurzer Zeit konnte der Spaziergänger sich ungehindert in den Anblick eines so bedeutenden Kopfes wie den des Orientalisten Hans Heinrich Schaeder oder in den des Nobelpreisträgers Otto Hahn versenken.

Und damit sind wir bei dem, was Göttingen ausmacht, seine Köpfe. Zu den eingesessenen Berühmten kamen neue. Die Wirren des Krieges verschlugen den siebenundachtzigjährigen Max Planck nach hier. Sein Grabstein trägt außer dem Namen nur die Zeichen h = 6,62 * 10 – 34 W sec hoch 2, das ist die von ihm gefundene Naturkonstante. Max v. Laue, Otto Hahn, Werner Heisenberg, Karl-Friedrich Bonhoeffer, Carl Friedrich v. Weizsäcker und manche anderen sind heute Göttinger. Die früheren Kaiser-Wilhelm-Institute für Physik (unter Heisenberg) und für Physikalische Chemie (unter Bonhoeffer), früher in Dahlem, sind jetzt in Göttingen beheimatet.

Ein vielversprechender Anfang

In der Kaiser – Wilhelm – Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, deren Präsidenten ein Adolf v. Harnack (1911–30) und ein Max Planck (1930–37) waren, besaß Deutschland eine einzigartige Organisation der freien und angewandten Forschung. In ihre Institute wurden die bedeutendsten Gelehrten berufen, nur zu freier selbstverantwortlicher Forschung, unbelastet von aufreibenden Lehrverpflichtungen. Für das heutige Deutschland ist es einer der größten Aktivposten, daß Geist und Tradition dieser Organisation hinübergerettet worden sind in die Max-Planck-Gesellschaft, in der heute unter dem Präsidium von Otto Hahn vierunddreißig deutsche Forschungsstätten der Westzonen zusammengefaßt sind. Die Generalverwaltung befindet sich in Göttingen, zusammen mit den Göttinger Max-Planck-Instituten in den Gebäuden der früheren Aerodynamischen Versuchsanstalt in der Bunsenstraße, die sich aus dem mit dem Namen Ludwig Prandtl verknüpften Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung entwickelt hatte. Die Übersiedlung der Dahlemer Institute geschah zum Teil schon vor 1945. Ein Teil des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie existiert noch in Berlin. Das Heisenbergsche Institut für Physik wurde unter dem Eindruck des Bombenkrieges Ende 1943 nach Süddeutschland, nach Hechingen verlegt. Bei dem Zusammenbruch wurden Forscher und Institute voneinander getrennt. Die Forscher befanden sich in der britischen Zone und ihre Instrumente in der französischen. So fing man denn in Göttingen mit dem Nichts der RM-Zeit von vorn an. Erst mit der D-Mark wurde aus dem Nichts ein Etwas, ein bescheidenes Etwas, entsprechend den zur Verfügung stehenden Mitteln. Aber es ist ein Anfang. Und ein sehr viel versprechender Anfang.