Von Alfred Strobel

Es ist merkwürdig, daß in einem Lande wie Italien, in dem eine jahrtausendelange künstlerische Tradition heute noch allen Landstrichen das Gepräge einer kulturellen Sättigung gibt, die Lebenskraft der Kunst unserer Zeit und das, was davon in das Land ausströmt, sich gerade in einer der nüchternsten Industrie- und Handelsmetropolen, in dem ganz von Betrieb und Verkehr, von Geschäft und Sachlichkeit erfüllten Mailand, konzentriert hat. Wohl hat auch Rom sein Kunstleben; aber die Römer selbst klagen darüber, daß es keine Impulse hat, die nicht nur aus der Beharrung herkommen. Und Venedig und Florenz, Perugia und Syrakus haben ihre Festivals, aber diese sind nicht Angelegenheiten des ständig fließenden, quellenden Lebens, sondern Saisonideen, sie sind – trotz Glanz und Bedeutung – mehr reproduktiv als produktiv, und selbst was Ereignis und Erlebnis wird, bleibt stets im engen Rahmen dessen, was man nüchtern eine Veranstaltung nennt.

Mailand hat nicht die lange künstlerische und geistige Tradition, auf die andere Städte so eitel sind. Es hat heute auch keine Festivals, keine Biennalen, keine Saisonveranstaltungen. Sein Festival ist und bleibt die große Industrie- und Handelsmesse. Darauf sind die Mailänder stolz. Aber trotzdem hat Mailand mehr Kunstleben und auch mehr Kunsterlebnisfähigkeit als manch andere italienische Großstadt. Und darauf sind die Mailänder noch stolzer.

Woher das kommt? Von den Impulsen dieser Stadt. Es sind nüchterne, merkantilistische, rationelle Impulse, zweifellos; aber sie bleiben nicht einseitig. Sie geben auch der Kunst etwas ab, und dafür dankt die Kunst mit reichen Blüten. Um aber solche Blüten zu züchten, spendiert so mancher Industrie- oder Handelsmann gern ein paar hunderttausend oder gar eine Million Lire. Das ist das Mailänder Mäzenatentum’ vielleicht das letzte große, konsequente, echte Mäzenatentum Europas. Es ist wohl sogar der einzige kulturelle Wesenszug dieser Stadt, der sogar eine Tradition hat; denn dieses Mailänder Mäzenatenwesen reicht bis etwa zur Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts zurück, in dem es aus einem Gefühl bürgerlicher Verpflichtungen entstanden ist. Von Anfang an war es großzügig und weitherzig (sonst wäre es ja auch gar nicht), und was das Wichtigste und Entscheidendste ist: es hatte immer einen kollektiven Grundzug. Was Mailand an großen Kultur werten besitzt, verdankt es diesem Mäzenatenkollektiv seiner reichen Bürger: Die Akademie und Galerie der Brera, die eben in diesen Wochen glanzvoll aus dem Ruinenschutt der Kriegszeit wieder auferstanden ist, wurde von begeisterten Nachfahren des Maecenas gegründet und erhalten, und die Scala, heute, die bedeutendste Opernbühne Europas, verdankt ihr Dasein den freiwilligen Subskriptionen einiger weniger freigebiger Mailänder Patrioten. Die Gesellschaft der "Freunde der Scala" – exklusiv wie jeder Geldmagnatenzirkel, aber von einer imponierenden Kunstsouveränität – hält heute noch stützend und fördernd die Hände über das ehrwürdige Haus und seinen kostspieligen Betrieb.

Dies sind einige der großen historischen Taten der Mäzene von Mailand. Aber daneben gibt es tausend andere; Förderungen von Malern und Bildhauern, Dichtern, Schauspielern und Sängern, Hilfen, Wegbahnungen, öffnen der Tore zu Erfolg und oft zum Ruhm.

Nach dem letzten Kriege schien es fast, als ob die Tradition auch hier schon Geschichte geworden sei. Man finanzierte jetzt Fußball- und Bobmannschaften, Ring- und Boxkämpfe. Aber das war nur eine kurze Saisonkrankheit unseres verworrenen Jahrhunderts, eine spielerische Lückenbüßerei, als noch so viel an kulturellen Werten in Schutt und Trümmern lag, und man fand sich wieder und gab der Kunst wieder die Lebenskraft, die Millionenbeträge aufwiegt. Man war wieder Maecenas im Kleinen und Maecenas im Großen. Die Kaufleute und Industriellen kauften nicht nur wieder Kunstwerke, sie gaben nicht nur Aufträge für Plastiken und Wandmalereien. Sie zogen die Künstler auch "ins Geschäft" und ließen sich von ihnen Reklamen, Warenzeichen und Verpackungen entwerfen. Italiens bedeutendste Künstler, wie De Chirico, Aymone, Sassü, Carrà, Zizzinato und viele andere, fanden hier Aufgaben, Förderung und gute Honorare, und es zeigte sich, wie gut es ist, wenn der Kaufmann mit dem Künstler, aber auch wenn der Künstler mit dem Kaufmann geht.

Und dann kam auch das wieder, was immer die Besonderheit des Mailänder Mäzenatentums war: die Steigerung der Großzügigkeit zur Opferbereitschaft, des Einzelwillens zum Gemeinschaftswillen. Als bekannt wurde, daß Michelangelos letztes Werk, die "Pietà Rondanini", verkauft werden solle und daß die Gefahr bestehe, es werde ins Ausland verlorengehen, taten sich sofort einige Mailänder Industrielle zusammen, und sie zeichneten 400 Millionen Lire, um das Werk für ein Mailänder Museum zu erwerben. Oder: Im vergangenen Jahr wurde der Premio Ines Fila gestiftet, der in Höhe von einer Million Lire alljährlich abwechselnd einem Maler, einem Bildhauer und einem Schriftsteller verliehen werden soll. Nunmehr wurde bekannt, daß dieser Preis vom nächsten Jahre an in eine Art "Italienischem Nobelpreis" umgewandelt werden soll; er soll so ausgestattet werden, daß vom Jahre 1951 an die Preisträger lebenslängliche Bezüge erhalten, die es ihnen ermöglichen, ausschließlich ihrer Kunst zu leben. (Hier sei auch der bedeutende Premio San Babila erwähnt, der von einer bekannten Mailänder Schneiderin