In seiner "Erklärung über Korea" vom 27. Juni gab Präsident Truman auch andere Entscheidungen von weittragender Bedeutung bekannt. So bezeichnete er eine Besetzung Formosas durch Truppen Mao Tse Tungs, als eine direkte Bedrohung der Sicherheit des pazifischen Gebietes und der Streitkräfte der USA, die ihre legalen und notwendigen Funktionen in diesem Gebiet ausüben. "Demgemäß habe ich" – so erklärte der Präsident – "der VII. Flotte Befehl erteilt, jeden Angriff auf Formosa zu verhindern. Als eine Folge dieser Maßnahme habe ich die chinesische Regierung auf Formosa aufgefordert, alle Luft- und See-Operationen gegen das Festland einzustellen. Die VII. Flotte wird darüber wachen, daß dies geschieht. Die Entscheidung über den zukünftigen Status von Formosa muß auf die Wiederherstellung der Sicherheit im Pazifik, einen Friedensvertrag mit Japan oder Erwägungen durch die UNO warten."

Mit diesen Entschlüssen hat Präsident Truman in der Formosa-Politik eine Kursänderung um 180 Grad vollzogen. Noch am 23. Juni hatte Außenminister Acheson in Washington erklärt, daß die Nichteinmischungspolitik der Vereinigten Staaten in Formosa, wie sie von Präsident Truman Anfang Januar nach Besprechungen im Nationalen Sicherheitsrat festgelegt worden war, keine Änderung erfahren habe. Mit seiner neuen Entscheidung hat sich Präsident Truman nun die Auffassung seines größten politischen Gegners, des republikanischen Senators Robert Taft, zu eigen gemacht. Dieser Triumph wird für Taft und viele andere republikanische Kandidaten bei den Wahlen im November von großem Nutzen sein.

Truman und Taft sind in der Formosafrage auf Umwegen zu einer Auffassung gelangt, die, bei Anerkennung und Festhalten an völkerrechtlichen Bestimmungen, von Anfang an hätte feststehen müssen. Formosa ist nämlich auch heute noch völkerrechtlich ein Teil des Japanischen Reiches, dem es seit dem Frieden von Schimonoseli im Jahre 1895 angehört. Zwar waren Rosevelt, Churchill und Tschiangkaischek in ihren Besprechungen auf der Konferenz von Karo im November 1943 übereingekommen, "ale Gebiete, die Japan den Chinesen geraubt hat – wie die Mandschurei, Formosa und die Fischerinseln – der chinesischen Republik zurückzugeben". Auch im Abkommen von Potsdam wurde diese Abrede bestätigt. Alle diese Vereinbarungen haben jedoch juristisch nur den Wirt von gemeinsamen Willenskundgebungen.

Wenn Truman, dieser Erkenntnis gemäß, der Regierung auf Formosa die Weisung erteilte, alle Luft- und See-Operationen gegen das chinesische Festland einzustellen und die VII. Flotte beauftragte, dafür zu sorgen, daß diese Weisung durchgeführt wird, so ist diese Abriegelung Formosas vom Festland – genau wie die Ablehnung nationalchinesischer Truppenkontingente für den Koreaeinsatz – in erster Linie als eine Maßnahme gegen eine willkürliche Ausweitung des Koreakonfliktes auf China durch die Regierung Tschiangkaischek zu bewerten.

Wenn auch lie Regierung in Peking in einer Note an die UNO "die amerikanische Invasion der chinesischen Territorialgewässer um Formosa" als einen "Akt offener Aggression" bezeichnete und ihrer Entschlossenheit Ausdruck gab, Formosa zu befreien, so ist kaum anzunehmen, daß sie sich unter den bestehenden Verhältnissen bereit finden wird, ihre besten Truppen bei einem hoffnungslosen Invasionsversuch in der Formosa-Straße durch die überlegenen Luft- und Seestreitkräfte der Amerikaner vernichten zu lassen. Mao Tse Tung dürfte erkennen, daß die Einstellung der Kampfhandlungen gegen das chinesische Festland so wertvoll ist, daß es ein Fehler wäre, aus Prestigegründen wegen des Besitzes einer Insel, die vor 55 Jahren zu China gehörte, jetzt das Risiko eines Krieges mit den Vereinigten Staaten auf sich zu nehmen. Ernst Krüger