Während Korea die Aufmerksamkeit der Welt fesselt, ist die Situation im Ostseeraum immer ernster geworden. Besonders beunruhigend ist die Nachricht, daß die Küstenlinie entlang des sowjetischen Machtbereiches in 50 km Breite von "unnötiger Arbeitskraft" evakuiert wurde, damit Raketen- und U-Boot-Basen für die größte U-Boot-Flotte der Welt, wie die Sowjets zu sagen pflegen, ausgebaut werden können. Diese Flotte hat keinen anderen Ausfahrtsweg als das Fahrwasser im dänischen Hoheitsbereich und den dänisch-schwedischen Öra-Sund.

Von Petsamo im Nordosten bis Lübeck im Südwesten ist die gesamte Ostseeküste ein einziger Militärbezirk, den Fremde nicht betreten und die Einwohner nicht verlassen dürfen. Die Vielfalt des Ostseeraums, in dem früher Finnisch, Baltisch, Polnisch und Deutsch gesprochen wurde, ist heute überdeckt von dem gleichförmigen Bild einer zentralistischen sowjetischen Militärdiktatur. Diese russische "Sicherheitszone", in der eine besonders ausgebildete Sicherheitspolizei stationiert wurde, ist 1800 km lang.

Von Swinemünde aus beobachten die Sowjets den gesamten Schiffahrtsverkehr auf der Ostsee. Hier wurden Flugplätze mit Tag und Nacht startklaren Jagdflugzeugen angelegt. In Insterburg (Ostpreußen) ist eine Versuchsstation für neue Waffentypen eingerichtet worden. In Penemünde, wo Hitler seine V-Waffen entwickeln ließ, probieren sowjetische Ingenieure fernlenkbare Geschosse aus. Auch in Kolberg, heute polnische Zone, existiert eine solche Versuchsstation. U-Boot-Basen mit bombensicheren U-Boot-Bunkern und Torpedonetzen wurden in Memel erbaut, während in Warnemünde und Stettin Schnorchel-U-Boote nach deutschem Muster gebaut werden. Dort sind auch große Radarstationen angelegt, die ankündigen, wenn sich Schiffe oder Flugzeuge dem Gebiet nähern. Das vor kurzem von den Russen abgeschossene amerikanische Flugzeug wurde von hier angepeilt.

Swinemünde ist zum Hauptquartier der ständig wachsenden Ostseeflotte geworden. Sie umfaßt gegenwärtig 1 Schlachtschiff, 5 Kreuzer, eine Flottille Torpedoboote, 20 Torpedojäger und über 150 U-Boote. Außerdem werden zur Zeit in Leningrad 3 neue Kreuzer von je 9000 BRT gebaut, und die beiden früheren deutschen Kreuzer Lützow und Seydlitz werden, wieder instandgesetzt. In Rostock werden deutsche Dampfer in sowjetische Transportschiffe umgebaut, und in Warnemünde arbeitet man fieberhaft an der Herstellung einer Serie von 600 Tonnen großen Torpedobooten. In Henkenhagen, in der polnischen Zone, wurde eine Marineflugstation errichtet, während Porkkalla, Viipuri, Kronstadt und Leningrad im Finnischen Meerbusen zu Flottenstationen ausgebaut werden.

In keiner anderen Gegend Europas ist im Zeichen des Kalten Krieges eine so tiefgreifende Verwandlung großer Gebiete eingetreten wie hier. Nirgend anderswo fallen die Schatten des dritten Weltkrieges so deutlich auf die Landschaft wie südlich und östlich Bornholms, Ölands und Gotlands.

Neu und beängstigend ist die sowjetische Forderung auf eine Zwölf-Seemeilen-Grenze, die durch die Aufbringung dänischer und schwedischer Fischereifahrzeuge innerhalb dieser Grenze bereits zur Tatsache geworden ist. In einer sowjetischen Antwortnote auf einen diesbezüglichen schwedischen Protest heißt es, daß die sowjetische Zwölf-Seemeilen-Grenze (etwa 22 km) schon am 15. Juni 1927 zum Schutz der sowjetischen Staatsgrenzen festgelegt worden sei, und daß die schwedischen Fischereifahrzeuge einfach deshalb aufgebracht wurden, weil sie diese Grenze unerlaubt überfahren hätten. Trotz erneuter dänischer und schwedischer Proteste lassen die Sowjets sich in dieser Handhabung nicht stören.

All diese sich mehrenden Zeugnisse sowjetischer Ansprüche auf die Ostseeherrschaft stellen eine direkte Bedrohung der schwedischen, dänischen und internationalen Privilegien dar. Kürzlich hat der sowjetische Rechtsgelehrte Kolodtsoff einen Artikel in der Zeitschrift "Staat und Recht" veröffentlicht, in dem er die Schließung der Ostsee für Kriegsschiffe derjenigen Nationen fordert, die nicht zum Ostseeraum gehören. Er verlangt überdies eine Revision der Bestimmungen für die freie Durchfahrt durch den Großen Belt, Kleinen Belt, durch das Kattegat und den Öra-Sund. Es besteht kein Zweifel, daß Kolodtsoff hiermit die offiziöse Ansicht des Kreml zur Sprache gebracht hat, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Sowjetregierung im Ostseeraum denselben Zustand etablieren will, wie er auf der Donau und im Schwarzen Meer herrscht. Nach dem Übereinkommen von Montreux ist es zwar theoretisch allen Nationen erlaubt, auch Kriegsschiffe durch die Dardanellen ins Schwarze Meer zu senden, praktisch ist dies aber darum unmöglich, weil das Schwarze Meer für alle Kriegsschiffe, die nicht den Anliegerländern gehören, von den Sowjets blockiert wird. Die Anwendung des gleichen Prinzips auf die Ostsee dürfte allerdings den heftigsten Widerstand aller Westmächte wachrufen. Auf dänischer und schwedischer Seite bestand die Reaktion in einer strikten Ablehnung der Forderungen mit der Begründung, daß die Ostsee ein internationales Fahrwasser sei, was ausdrücklich in einer Resolution festgelegt wäre, die sogar die Unterschrift Sowjetrußlands trage.

Die gesamte Aktivierung des Ostseeraums muß als ein Gegenschachzug gegen den Atlantikplan betrachtet werden. Vielleicht aber führt die Politik der Sowjets, die ja ursprünglich auch den Anlaß gab für den Zusammenschluß der Atlantikpaktstaaten, nun auch endlich den engeren Zusammenschluß Skandinaviens herbei, das sich jetzt mehr denn je bedroht fühlt. Bisher bestand Schweden hartnäckig auf der Wahrung strikter Neutralität – aber die immer heftigeren Diskussionen in der schwedischen Presse und Öffentlichkeit zeigen, daß angesichts des koreanischen Konflikts und der Entwicklung im Ostseeraum der Begriff der Neutralität auch für Schweden immer fragwürdiger wird. ETn