Von Walter Henkels

Füssen, im Juli

Ein neues Firmenzeichen haben die Reisemarschälle im Süddeutschen erfunden: "Die Romantische Straße vom Main zu den Alpen" Frankenland – Schwabenland – Alpenland! An einem Julitage 1950 stehen wir auf der Würzburger Feste Marienburg. Rundum im Frankenland ist heißer Sommer. Unten liegt die Stadt Würzburg, die das apokalyptische Tier am 16. März 1945 in zwanzig Minuten mittels Phosphorkanistern niederbrannte. Sie liegt noch etwas geflickt, krumm und grau im Talkessel, aber sie regt sich tüchtig. Die Stadt des Balthasar Neumann, des Tilman Riemenschneider und des Boxbeutels lebt wie eh und je!

Um sieben Uhr am nächsten Morgen rollt unser Wägelchen südwärts. Es kann nur eine unvollkommene Städteaufzählung von Würzburg bis an die Tiroler Grenze bleiben. Wer eine poetische Ader in sich pulsen fühlt, wird beim Anblick von so viel Schönheit sicher bald einen Vers finden auf das Taubertal mit Bad Mergentheim und Weikersheim und das Herrgottstil mit Creglingen.

Hier sind wir unmittelbar, wie ein ehrenwerter Prospektschreiber uns versichert, am "Busen der Natur", dazu an einem schwellenden und üppigen. Rothenburg ob der Tauber, Feuchtwangen, Dinkelsbühl, Nördlingen – wo ranken die Blumen holder über die Stadtmauern, wo wuchert der Efeu kräftiger aus den alten Türmen. Es ist ein Stück touristengesegneten Bodens. Tagelang kann man hier Geschichte studieren, von der ältesten bis in die jüngste hinein. Viele nagelneue rote Dächer und ein paar nagelneue Runchen lassen erkennen, daß Welt- und Lokalgeschichte selbst in diesen Nestern handfest geschrieben wurde. Einerseits mit Mörsern und Kartätschen, andererseits mit Bomben. In Nördlingen, wo die Tore laut Prospekt noch immer trutzig sind, bläst der Türmer vom hohen Turm des "Daniel" sein hübsches Liedlein zur guten Nacht. Die Bauern im fruchtbaren schwäbischen Ries tragen ihre bunten Trachten noch nicht als Sondervorstellung, sie wandern noch immer breit und behäbig in ihrem Habit durch Nördlingens Straßen. Sonst schläft Vergangenheit in diesen Städten tiefen, tiefsten und allertiefsten Schlaf. In Augsburg, der Stadt der Fugger und des Elias Holl, wo sich die Kriegstrümmer längst geordnet haben und die Stadtplaner wie Chirurgen an der Arbeit sind, kann man gar nicht genug des Lobes finden, das man den fleißigen Schwaben zollen müßte. Auf die Münchener "Zentralisten" schimpfen sie in Augsburg und im ganzen Schwäbischen nicht wenig. Zwischen Morgen, Mittag und Abend von Augsburg aus dem südlichen Allgäuer Sommer nachzusteigen, ist mit das Schönste, was es an Landschaftsbeglückung gibt. Das Lechfeld, die Stätte der Ungarnschlacht und der Schwarzmarktstrategen der DP-Lager, haben wir bald hinter uns. Bevor wir über die Brücke des Lech in die von Toren, Türmen und Giebeln überragte Grenzstadt zwischen Bayern und Schwaben, Landsberg, einfallen, trifft, wenn man es sagen kann, noch ein Schlagschatten den Weg. Gleich an der Straße, an der Festung Landsberg, liegen, Kreuz neben Kreuz, die Gräber der dort Gehängten, jedes Grab mit blühenden Stiefmütterchen versehen. Die Namensschilder hat man abmontiert. In der Stadt spricht man davon, daß Gefangene namens Leeb, Küchler und Rendulicz Gräber instand gesetzt hätten. Ein Gefangener namens Weizsäcker, der die Prüfung als Sattlergeselle bestanden habe, sei jetzt mit Strümpfestopfen beschäftigt, worin er eine besondere Fertigkeit habe. Schamhaft verschweigen einem Landrat und Archivdirektor in Landsberg die schaurige Gegenwärtigkeit, was sollten sie auch anderes tun. Sie sprechen von Dominikus Zimmermann, dem großen Baumeister des Bayerischen Rokoko und solchen Dingen. Das Museale hat den Vorrang vor der Gegenwart. Und wo hat es das nicht?

Schongau liegt am Wege, Dominikus Zimmermanns berühmte Wies-Kirche, die bayerischen Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau. In der Dämmerung flötet eine Amsel am Schlagbaum nach Tirol, einige hundert Meter hinter dem Städtchen Füssen, die Nacht ein. Sie tut es heftig und überzeugend. Die weißen Gipfel der Allgäuer Alpenwelt haben sich in die Wolken verkrochen. Der Abend bringt naturechte Schuhplattler männlichen und weiblichen Geschlechts in den Tanzsaal dies "Löwen", mit melodischem Zittergetöne selbstverständlich. Und wer Weißwürste und einen Maßkrug im schwäbischen Füssen für unglaubhaft hält, der irrt.

Am nächsten Morgen steht die Reisegefährtin vor einem Füssener Hotelchen, blinzelt in die Morgensonne und läßt sich ein blaues Enzianblümchen an den Jackettaufschlag heften. Sozusagen als Reisezeichen, als Etikett für "die Romantische Straße vom Main zu den Alpen", als Blaue Blume der Romantik.