Noch niemals haben wohl in der Geschichte die Juristen den späteren Historikern eine so gründliche Vorarbeit geleistet wie im Fall des "Dritten Reiches". Heinz Holldack ist der erste, der sich diese bisher nur im Ausland, in Nürnberg und in verschiedenen Farbbüchern auszugsweise veröffentlichte Sichtung umfassend zunutze macht. Sein jetzt erschienenes Buch "Was wirklich geschah" (Nymphenburger Verlagshandlung, München, 546 S.), gegliedert in eine Darstellung und einen nicht minder umfangreichen Dokumentenanhang, ist im engsten Sinne ein Werk über die "diplomatischen Hintergründe der deutschen Kriegspolitik". Das heißt: Der Verfasser verzichtet ebenso auf eine Behandlung der Kriegsjahre nach dem Eingreifen der Vereinigten Staaten – also auf jene Zeit, da der Krieg keine Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln, sondern nur noch eine mathematische Gleichung war – wie auch auf eine Untersuchung des Phänomens des Nationalsozialismus überhaupt, der derzeitigen deutschen Innenpolitik oder gar des deutschen Widerstandes –, also auf Probleme, die staatsrechtlich und philosophisch von Interesse sind, machtpolitisch hingegen bedeutungslos waren. Zwar macht sich Holldack in einigen wenigen Fällen die Pointen schwatzhafter Memoiren zu eigen – so die Mär von dem am Vorabend des Krieges von v. Ribbentrop dem englischen Botschafter Henderson "schnell vorgelesenen" Vorschlag zur Regelung der polnischen Frage –, aber das ändert nichts daran, daß in diesem Buch ein wirklich ausgezeichneter Überblick gegeben wird über das, "Was wirklich geschah": Die völlige diplomatische Niederlage des bei aller Brutalität doch spießerhaft gefühlvollen Regimes, lange bevor die Waffen schwiegen.

C. J.