Robinson Crusoe war ein Schiffbrüchiger, dem der Gedanke einer Flucht vor der Zivilisation fernlag, aber dem Engländer Daniel Defoe, dem Autor der 1719 erschienenen Robinsongeschichte muß derlei vorgeschwebt haben. Jedenfalls schilderte er Robinsons Schicksal auf der Felseninsel weniger heroisch als gemütlich und regte damit Millionen junger Menschen zu einer Art Robinson-Romantik an, von der niemand von uns gänzlich frei ist. Und immer, wenn uns die Lasten der Zivilisation allzusehr drücken, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse allzu ungünstig, wenn die soziale Lage Erschütterungen ankündigt, besonders aber, wenn ein Krieg droht, dann wird die Felseninsel Robinsons wieder eine gedankliche Verlockung. Trotzdem gibt es nur wenig Sonderlinge, die der Versuchung nachgeben, das heißt, die das notwendige Maß an Tatkraft und das notwendige Übermaß an Phantasie besitzen, um alle menschlichen und sozialen Beziehungen abzubrechen und sich auf den Weg in die Robinsonade machen. Immerhin aber gibt es welche – ein Zeichen für die Labilität, in die die Zivilisation geraten ist.

Einer der bekanntesten Fälle war der des Berliner Arztes Dr. Ritter, der sich sämtliche Zähne ausrupfen ließ und mit einem Nirostagebiß und seiner nervenkranken Patientin Dore Körwin auf den Galapagosinseln eine neue Heimat suchte. Die Inseln liegen direkt unter dem Äquator tausend Kilometer im Meer vor der südamerikanischen Westküste. Trotz ihrer ausgesprochenen Lebensfeindlichkeit waren sie immer ein Anziehungspunkt für weltmüde Sonderlinge und verkrachte Existenzen, die sich im Leben nicht zurechtfinden konnten. Besonders auf einer der kleinsten der zwölf großen Galapagosinseln, Floreana, die nur fünf Kilometer lang und acht Kilometer breit ist, kamen und gingen die Robinsone wie die Gezeiten des Meeres. Viele verdarben und starben. Andere kehrten reumütig um, bevor das Tor der Welt hinter ihnen zugefallen war. Schließlich kam Dt. Ritter. Schon bevor er in seine Einsamkeit zog, machte er für sich und sein Vorhaben Reklame wie ein Marktschreier für seine ledernen Brieftaschen aus echtem Papierersatz. Er wollte die Welt mit einer neuen Ernährungslehre beglücken. Er behauptete, die Freßsucht sei der schlimmste Feind des Menschen, und alle Krankheiten und auch das Altern wären nichts anderes als Verschlackungen durch unsachgemäße Ernährung. Er selbst wollte der Menschheit auf seiner Robinsoninsel ein naturhaftes Leben vorleben und beweisen, daß der Mensch 140 Jahre alt werden kann, wenn er nur seine Freßsucht im Zaume hält. Das Ergebnis war allerdings erschütternd; der Naturapostel selbst starb nach kaum fünfjährigem Galapagos-Aufenthalt im Alter von 52 Jahren. Daß Dr. Ritter, dem angeblich jeglicher Fleischgenuß ein Greuel war, ausgerechnet an Fleischvergiftung starb, macht sein Ende tragikomisch.

Wie weit Theorie und Praxis auseinanderliegen können, habe ich niemals so klar erkannt wie bei meinem Besuch bei Dr. Ritter. Ich habe mehrere Wochen in der Hängematte auf der Veranda seines Galapagoshauses kampiert und mir endlose Vorträge über seine Theorien und philosophischen Erkenntnisse anhören müssen. Aber ich glaube, es war schon am dritten Tage meines Besuches, als Dr. Ritter mich mit den Vorbereitungen zu einem Schlachtakt überraschte. Das war ein Ereignis, auf das ich nach seinen Predigten alle Hoffnung hatte fahren lassen. Ein Huhn, das auf den Namen Grete hörte und bisher brav Eier gelegt hatte, mußte daran glauben. Während Dr. Ritter mit vollen Backen Hühnerfleisch kaute, erfuhr ich von seinem Hintertürchen, das er sich gelassen hatte, um vor seinem eigenen Gewissen den gelegentlichen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Er fühlte sich berechtigt und sogar verpflichtet, das Fleisch eines Tieres zu verzehren, an dessen Ermordung er in irgendeiner Weise mitschuldig wurde. Dazu gab es hinreichend Gelegenheit, denn er hielt sich für berechtigt und sogar verpflichtet, jedes Tier zu töten, das seine Existenz bedrohte. Das fing mit den Spatzen an, die von seinen Saatkörnern naschten und von ihm zu Tausenden erschossen wurden, und endete mit den auf der Insel in großen Mengen herumlaufenden Schweinen und Rindern, die seinen Garten heimsuchten und deshalb ihr Leben verwirkt hatten. Die Vertilgung des Fleisches betrachtete er alsdann als seine "Strafe und Sühne".

Dr. Ritter war ein Scharlatan von erheblicher Klugheit, der durch die Absonderlichkeit seiner Lebensführung die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken versuchte, um seinen nicht minder absonderlichen Ideen den Weg zu bereiten. Er hatte sich nicht verspekuliert. Es gab genug Leute, die an dem deutschen Narren ihren Spaß fanden. Durch ihn wurden die Galapagosinseln ein beliebtes Ausflugsziel wohlhabender Jachtbesitzer, die den "Naturapostel" wie ein seltenes Tier im zoologischen Garten betrachteten und – fütterten. Auf seinem Schutthaufen könnte man Berge von leeren Konservendosen – durchaus nicht immer fleischlosen Inhalts – finden. Er besaß Dynamit, Kisten voll Seife und einen Schokoladenvorrat für Jahre, alles Mitbringsel der Gäste. Sogar einen Dynamo hatte ein freigebiger Besucher ihm gestiftet, damit er das elektrische Licht nicht zu entbehren brauchte.

Der Erfolg der Ritterschen Robinsonade lockte sehr bald die österreichische Baronin Wagner auf den Plan, die auch gern berühmt werden wollte. Sie scharte in Paris drei junge Leute um sich und landete mit ihnen und einem gewaltigen Gepäckberg eines Tages auf der Insel. Vorher hatte sie die Presse informiert, daß sie auf Floreana ein Hotel zu errichten und Galapagos zu einem zweiten Miami zu machen beabsichtige. Aus dem Miami ist nichts geworden. So lief die unternehmungslustige Dame in der Einsamkeit in Pariser Toiletten umher, und ihre Trabanten stürzten sich in Smoking und Lackschuhe, sobald sich eine Jacht am Horizont zeigte, und rasten im Wettlauf zur Küste, um die freigebigen Besucher Dr. Ritter abzujagen und in ihr eigenes Etablissement zu lenken. Das führte zu Neid und Mißgunst, die in Beschimpfungen, Drohungen und sogar Tätlichkeiten ausarteten und schließlich zu einem regelrechten Kriegszustand führten. Die Garde der Baronin lief schwerbewaffnet umher; sie selbst hatte immer einen Schießprügel bei sich und machte davon bei jeder Gelegenheit Gebrauch. Bewohner anderer Inseln, die gelegentlich herüberkamen, um sich ein Kalb zu greifen oder ein Schwein zu schießen, wurden mit Gewalt von der Insel verjagt, wenn sie nicht genügend Geschenke für die Baronin mitbrachten.

Ebenso plötzlich, wie sie gekommen war, ist die seltsame Dame eines Tages, nachdem sie über zwei Jahre lang die Insel unsicher gemacht hatte, zusammen mit ihrem zum Gemahl erkorenen Begleiter, dem Berliner Ernst Philippson, spurlos verschwunden. Bald darauf hauchte Dr. Ritter sein Leben aus, weil er verdorbene Fleischkonserven gegessen hatte. Er wurde inmitten seiner harmonischen Gartensymphonie beinahe um hundert Jahre zu früh begraben. Seine Begleiterin schüttelte den Staub, der Galapagos von ihren Füßen und kehrte auf dem schnellsten Wege in die vielgeschmähte Zivilisation zurück. Auch auf einer einsamen Insel können, wie man sieht, Unruhen ausbrechen, wenn sie von mehr als einem Menschen bewohnt ist. Weil es nicht genügend Inseln gibt, um jedem sein separates Paradies zuzuweisen, führen unsere Wünsche unter Umständen vom Regen in die Traufe. Einen Menschen gibt es, der auf den Inseln glücklich geworden ist, das ist der Kölner Heinz Wittmer, der vor nunmehr siebzehn Jahren mit seiner Frau und einem vierzehnjährigen blinden Sohn nach Galapagos kam. Ihn trieben keine Hotelpläne und keine verirrte Philosophie in die Einsamkeit, sondern einzig der Wunsch, das verlorene Paradies wiederzufinden. Er hielt sich in der Ferne, als Dr. Ritter und die Baronin wie die Kesselflicker übereinander herfielen und hatte Grund aufzuatmen, als die Luft wieder rein war. Die tapfere Frau hat auf der Insel zwei weitere Söhne geboren. Als ich vor fünfzehn Jahren bei ihnen war, hatten sie – im Gegensatz zu allen anderen Inselbewohnern – durchaus nicht die Absicht, für immer in ihrer Einsamkeit zu bleiben. Um so mehr überraschte es mich, als mich in diesen Tagen ein Brief von den Galapagosinseln erreichte.. Darin schrieb Wittmer mir: "Ich denke nicht daran, jemals in die sogenannte Zivilisation zurückzukehren. Lieber ein kleiner Herr, denn ein großer Knecht!" Kopfschüttelnd hat er aus der Ferne zugeschaut, wie das alte Europa sich zerfleischte, und seine Konsequenzen daraus gezogen. Es ist nicht ohne weiteres zu entscheiden, ob man Wittmers beneiden kann. Sie haben auf vieles verzichten müssen, ohne das die meisten Menschen nicht leben zu können glauben; ihnen ist aber auch manches erspart geblieben, auf das wir gern verzichtet hätten. Vielleicht gibt es doch noch ein Paradies, allerdings nur für Menschen, die es in ihrer eigenen Brust tragen.

Neuerdings haben sich einige Robinsone, wie aus gelegentlichen Berichten amerikanischer Zeitungen hervorgeht, auf einzelnen kleinen Inseln der Bahamagruppe (östlich von Florida) angesiedelt, meist reiche Amerikaner, die der New Yorker Autozivilisation müde geworden varen. Diese Robinsonaden gehen zurück auf den Beginn des zweiten Weltkrieges, als ein Englinder eine Anzeige aufgab, in der "ein von der Zivilisation enttäuschter Vierziger" eine einsame Insel zu kaufen suchte und unter zahlreichen Angeboten auch solche der Bahama-Grundstück-Corp. vorfand, von denen zwar nicht er, sondern verschiedene Amerikaner Gebrauch machten. Allerdings weiß man nicht genau, ob sie nicht ab und zu heimlich ihre idyllische Tomatenzucht verlassen und für einige Zeit in die Zivilisation zurückkehren, die sie verschmäht haben.