Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, im Juli

Zwei Wochen "Erfahrungen" mit den Kämpfen in Korea haben in England viele Fragen aufgeworfen: Soll Rotchina einschließlich der Mandschurei wirtschaftlich boykottiert werden, indem man die Lieferungen von Öl und anderen Gütern einstellt? Die Amerikaner, die ohnehin einen großen Teil ihrer Ausfuhren praktisch verschenken, können dies verhältnismäßig unbeschadet für sich selbst beschließen. Die Engländer, die Rotchina nicht zuletzt in der Hoffnung anerkannten, der Wirtschaft damit, die Tore zum Osten offenzuhalten, haben zwar Stahl und Dieselmotoren (an denen die Sowjetunion selbst im Austausch für Holz und Getreide interessiert ist) wieder allgemein unter Exportkontrolle gestellt, jedoch vorerst die amerikanische Aufforderung abgelehnt, die Öllieferungen an Rotchina einzustellen.

Wenn man ferner in Washington fürchtet, es könne durch Rotchina Material nach Nordkorea fließen, soll man dann die Flottenblockade auf die Küste des koreanischen Kampfgebietes beschränken, oder, vielleicht unter Wiedereinführung der Navycerts, auch Rotchinas Küste patroullieren? Den Amerikanern gibt die "Neutralisierung" Formosas (seit 1895 japanisch und erst für den Fall eines chinesisch-japanischen Friedensvertrages den Chinesen auf der Kairo-Konferenz zugesagt) einen willkommenen Vorwand, die Patrouillen auf chinesische Gewässer auszudehnen. Den Engländern, denen die nationalchinesische Blockade Rotchinas wenig angenehm sein konnte, ist es denkbar peinlich, nunmehr britische Flotteneinheiten möglicherweise auf amerikanischen Befehl auch südlich von Korea operieren zu lassen oder sich gar derartigen USA-Weisungen widersetzen zu müssen.

Schließlich wird die Frage, ob man dem Drängen MacArthurs auf Nachschub aus Malaya und Hongkong, wo die britischen Truppen kaum entbehrlich sind, nachgeben soll, immer brennender. Mit Genugtuung stellt man in London fest, daß Amerikas rasches Eingreifen in Korea als Vortrupp der UNO das Problem der "internationalen Truppe der UNO" mit diesem Präzedenzfall ebenso praktisch wie einfach gelöst hat. Zwei andere, Aufgaben werden in London allerdings nicht übersehen, die Beilegung des Konflikts durch Vermittlung, nachdem die kämpferische Abwehrbereitschaft der UNO bewiesen worden ist und die sofortige Verstärkung der "friedlichen" Verteidigung. Im ganzen kann man sagen, daß in England das Unbehagen ebenso groß ist wie die Entschlossenheit.