J. B. Wien, im Juli

In Wien werden Häuser angeboten und finden keine Käufer. Die Besitzer senken die Preise, auch das nutzt nichts. Sie verlangen nur das Eineinhalbfache des alten steuerlichen Einheitswertes, obwohl die Baukosten in Österreich heute auf das Sechseinhalbfache von 1938 gestiegen sind. Alte Mietshäuser sind in Österreich jedoch überall ein schlechtes Geschäft. Preis und Lohn erreichen im Durchschnitt mindestens das Vier- bis Fünffache der Vorkriegszeit, die Hauserhaltungskosten das Sechs- bis Siebenfache. Nur der Mietzins in der Abtwohnung ist als einzige Ausnahme auf dem Vorkriegssatz gehalten worden, Der Ertrag eines Hauses reicht also heute nicht einmal zur Deckung der Steuer und der Reparaturen. Nur neue Wohnhäuser lohnen, weil dort die Mieten und Einstandsgelder auf Grund einer übergroßen Nachfrage frei gebildet werden dürfen.

Aber die Häuser sind in Wien nicht wegen ihres heute so schlechten Ertrages zum Verkauf ausgeschrieben. Der Ertrag könnte sich bessern, Bei der Rücksichtnahme auf die Altmieter als Wählerschaft deuten sich hier bereits Reformen an. Es hat eine andere Ursache, daß in Ostösterreich Häuser zu haben sind. Der "dreistöckige Hausherr" in Wien bietet sein Heim gegen ein Siedlungshaus in Tirol oder Salzburg und verlangt nur eine sehr bescheidene Aufzahlung. Es ist die politische Besorgnis, die es mit sich gebracht hat, daß Wien heute 20 v. H. weniger Einwohner hat als 1934, Salzburg aber um 112 v. H. mehr, Linz um 72 v. H. und Innsbruck um 50 v. H. mehr...