Der Kreml hat ein neues Requisit auf die Bühne des Kalten Krieges geschoben: den Kartoffelkäfer. Der Schädling des Kartoffelanbaues, der nach dem ersten Weltkrieg von Amerikanern in Europa eingeschleppt wurde – das steht in allen Nachschlagewerken – ist zum Schädling der Fünfjahrespläne avanciert, der nach dem zweiten Weltkrieg von amerikanischen Fliegern über dem kommunistischen Europa abgeworfen wurde – das steht in allen kommunistischen Zeitungen. Moskau hat wieder einmal zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Es kann seine Untergebenen beruhigt hungern lassen, schuld ist ja nicht die bolschewistische Wirtschaft, schuld sind "die sechsbeinigen Botschafter von Wallstreet". Und es hat sich erneut selbst einen Vorwand in die Hand gegeben, zu so mancherlei...

So blieb es denn den Großmächten unserer Zeit vorbehalten, in einem angeregten diplomatischen Notenwechsel über Insekten einzutreten. "Ein übles kommunistisches Propagandamanöver", erklärte Washington zu den sowjetischen Vorwürfen, die in die höfliche Formel "verbrecherisch" gekleidet waren. Schon wird gemeldet, daß alle sowjetischen Infanterie-Divisionen der Besatzungsarmee mit Flakeinheiten ausgerüstet werden. Auf den Streichholzschachteln der Tschechoslowakei prangt als Symbol der imperialistischen Kapitalisten ein fetter Kartoffelkäfer, und unter der Parole "Abwehraktion gegen die amerikanischen Kartoffelflieger" wird von der Segesflug-FDJ in der Sowjetzone die "Vorbereitung auf die kommenden großen Aufgaben des Motorfluges" propagiert. Das sind, bei aller Groteske, gefährliche Töne. Dahin die gute, alte Zeit des Marienkäfers im abgebrannten Pommerlande. Jetzt singen die Kommunisten "Kartoffelkäfer flieg! Bald gibt es wieder Krieg ..." C. J.