Er sähe keine Anzeichen dafür, daß der Korea-Konflikt irgendwelche Folgen für die Lage der Bundesrepublik haben werde, erklärte der amerikanische Hohe Kommissar John J. McCloy auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main. Offenbar sollte dies heißen, man rechne in amerikanischen Kreisen für nahe Zeit nicht mit einem militärischen Zusammenstoß, der auch die Bundesrepublik einbeziehen könnte. Daß dies wohl richtig ist, wollen wir gewiß nicht bestreiten. Folgen aber, so meinen wir, sollte der Korea-Konflikt dennoch unter allen Umständen auch für uns haben: Er sollte die Westmächte dazu bringen, ihre Politik, wie überall in der nichtkommunistischen Welt, so auch uns gegenüber zu überprüfen und, wo es nötig ist, zu ändern.

Aus den Ausführungen des amerikanischen Hohen Kommissars ging denn auch deutlich hervor, daß man unter den amerikanischen Politikern durchaus geneigt ist, aus dem bisherigen Verlauf des Konfliktes zu lernen. Die wichtigste Lehre, so sagte McCloy, sei die Erkenntnis, welche Bedeutung der Faktor Zeit habe. Man könne es sich nicht leisten, auf dem Wege zu einer fortschrittlichen Entwicklung zu "bummeln". Aber wo eigentlich zeigte sich in Korea die überragende Bedeutung des Faktors Zeit? In dem schnellen Einsatz der amerikanischen Wehrmacht oder in der mangelhaften Ausnützung der Zeit, die den Kämpfen voranging? Ist in Korea vielleicht doch "gebummelt" worden?

In einer Dankadresse, die der südkoreanische Präsident Syngman Rhee an die Regierung der Vereinigten Staaten richtete, hat er zugleich mit einiger Bitterkeit diese Feststellung getroffen: "Ich kann mein Bedauern darüber nicht unterdrücken, daß meine ständigen Bitten um Defensivwaffen bei einigen Regierungsstellen so gedeutet wurden, als fordere ich Waffen, um in Nordkorea einzufallen. Offenbar glaubte man mir nicht, wenn ich von der Drohung einer unmittelbar bevorstehenden Invasion der Nordkoreaner sprach. Oder aber man mißtraute meinem Versprechen, mich jedes Angriffs zu enthalten. Jedenfalls erhielten wir keine Waffen. Ich bat um Tankabwehrgeschütze. Ich erhielt nicht ein einziges, denn man war der Meinung, Tanks könnten auf dem koreanischen Terrain nicht operieren, und selbst militärische Stellen gingen achselzuckend über Berichte des Geheimdienstes hinweg, die von einer starken Tankwaffe bei der Armee der nordkoreanischen Renegaten sprachen. Ich bat um Fliegerabwehrgeschütze. Ich erhielt keine. Ich bat um Munition für die wenigen Gewehre, die wir haben. Ich erhielt keine Munition. Ich schickte Kommissionen, um Maschinen zu beschaffen, mit denen wir eigene Waffen hätten herstellen können. Ich erhielt keine Maschinen. Als der gefürchtete Schlag fiel, hatten wir, um der nordkoreanischen Luftflotte zu widerstehen, nur zehn Übungsflugzeuge – und das war alles, was wir aufbringen konnten –, aber die Maschinengewehre zu ihrer Bewaffnung kamen aus den Vereinigten Staaten nicht rechtzeitig an."

Diese Mißachtung des Faktors Zeit, diese Nonchalance, mit der man untätig zusah, wie auf Geheiß und mit Unterstützung des Kremls in Nordkorea eine Armee aufgebaut wurde zu dem deutlichen Zweck, Südkorea zu überfallen, hat sich für die Amerikaner bitter gerächt. John Foster Dulles, der republikanische Berater des State Department, der gleiche Dulles, der noch zwölf Tage, bevor die Invasion der Kommunisten begann, vor dem Parlament in Seoul erklärt hatte, die kommunistische Herrschaft in Nordkorea werde von selbst zusammenbrechen, hat in einer Rede zum Unabhängigkeitstag in Washington über das traurige Ergebnis gesprochen, das diese Vernachlässigung des Faktors Zeit gehabt hat. "Die Vereinigten Staaten", so sagte er, "stehen in ihrem Kampf mit dem Kommunismus vor einer schweren Aufgabe, und vor seinem Ende wird noch jeder von uns seinen Preis zu erlegen haben. Bereits heute beginnt unsere Jugend mit dem höchsten Preis, dem ihres Lebens, zu zahlen. Wir übrigen werden unter Umständenunser materielles Wohlleben einschränken müssen, um, aus der Möglichkeit unserer Produktion heraus, unseren Freunden zu helfen, damit sie den offensiven Mitteln begegnen können, die die Sowjetunion ihren eigenen Freunden aus ihrer Armut heraus liefert."

Angesichts dieser Lehre aus dem Korea-Konflikt ist es gewiß nicht verwunderlich, daß sich viele Menschen in Europa heute fragen: Was soll geschehen, damit die gleichen verhängnisvollen Fehler sich bei uns nicht wiederholen? Daher wurde dann auch McCloy auf der Pressekonferenz in Frankfurt von in- und ausländischen Journalisten gefragt, ob er mit der Stärke der alliierten Streitkräfte in Westdeutschland zufrieden sei. Auf diese spezielle Frage antwortete er ausweichend, immerhin gab er zu, daß seiner Meinung nach ganz allgemein die Westmächte in Europa nicht genügend Truppen hätten. "Wir sollten", so sagte er weiter, "diese Truppen so rasch wie möglich verstärken." Damit sprach McCloy zweifellos aus, was viele Europäer denken und wünschen. "Es ist ein Irrsinn, zu glauben", schrieb Gaston Palewski, der Vertraute des Generals de Gaulle, in der Wochenschrift Le Rassemblement, "daß man die Gebiete Westeuropas allein mit den Flotten- und Luftstreitkräften verteidigen könnte, die mehrere Tagesreisen von ihrem Einsatzgebiet entfernt sind."

Naturgemäß wurde McCloy in Frankfurt auch gefragt, wie er zu dem Wunsche des deutschen Bundeskanzlers stehe, eine Bundespolizei aufzustellen. Auch hier blieb der Hohe Kommissar eine klare Antwort schuldig. Dr. Adenauer habe keine Einzelheiten über die gewünschte Ausrüstung und Bewaffnung dieser Polizei und über ihre Verteilung auf die Städte des Bundesgebietes genannt. Zweifellos sei die Volkspolizei der deutschen Sowjetzone eine Gefahr. Aber die Proteste der Alliierten habe Moskau nicht beantwortet.

Zur gleichen Zeit jedoch wird aus London bekannt, daß die Stellvertreter der Außenminister eine deutsche Bundespolizei auf 5000 Mann beschränken wollen, und dies in dem gleichen Augenblick, in dem die deutsche Sowjetzonenregierung bekanntgibt, daß sie ihre Bürgerkriegsarmee, Volkspolizei genannt, die mindestens 50 000 Mann stark und mit allen schweren Waffen ausgerüstet ist, um 20 v. H. vermehren will. "Wir sind", sagte jüngst auf dem mecklenburgischen Parteitag der CDU der Außenminister der Sowjetzone, Dertinger, "fest entschlossen, mit Unterstützung der Sowjetunion Westdeutschland von der Versklavung durch den Marshall-Plan zu befreien!" Wundert man sich eigentlich, daß angesichts des Verhaltens der Alliierten viele in der Bundesrepublik sich an die Vernachlässigung des Faktors Zeit in Korea erinnert fühlen?