Von Harold Theile

Da sie nun seit sechs Jahren verschwunden ist, und kaum noch Aussicht besteht, sie wiederzusehen, durfte es an der Zeit sein, ihr den Nachruf zu schreiben.

In der herzbewegenden Geschichte "Der kleine Prinz", die Saint-Exupery dem Kinde in seinem Freunde Léon Werth widmete und so subtil illustrierte, daß man die kindlich-weisen Einfälle wie durch einen perlmuttenen Schleier der Rührung betrachtet, in diesem modernen Märchen unserer Einsamkeit also ist auch eine Anweisung für pflegliche Behandlung feuerspeiender Berge enthalten. Man muß sie regelmäßig fegen wie die Schornsteine, denn Vulkanausbrüche sind die Kaminbrände der Natur. So sehen wir den petit prince‚ wie er, mit wehendem Schal auf seinem winzigen Planeten balancierend, den Besen in die Krater stopft und gründlich reinemacht. "Wenn sie gut gefegt werden, brennen die Vulkane ruhig und regelmäßig, ohne Eruptionen."

Im Kriege vernachlässigten die Leute von Neapel und Umgebung diese goldene Regel. Alle Kaminfeger waren beim Heer und überdies uneins untereinander, je nachdem sie vom Faschismus, Von der Monarchie, von der Republik, vom Neofaschismus, von den Deutschen, den Engländern, den Amerikanern, der Religion, den Kanonen oder der Flucht Rettung und Heil erwarteten. Inzwischen sammelte sich in der Kehle des Vesuvio die Asche, und das zweitausendjährige Feuer, von der weißlichen Rauchfahne weithin über den Golf bezeugt, drohte zu ersticken.

Eines Tages, im fünften Kriegsjahr, wurde es dem Vesuv zu dumm, und mit letzter Kraftanstrengung räusperte er sich. Eine ungeheure Menge Ruß hustete aus dem Kamin, die Sonne verschwand, ein Sturm erhob sich und trieb die Asche vor sich her. Die Menschen sahen nichts mehr, das Atmen wurde mühsam, hastig verrammelte man Türen und Fenster wie einst in Pompeji. Zwischen Sorrent und Amalfi bedeckten sich die "alten, seligen Küsten" zehn Zentimeter hoch mit schwarzem Staub, alle Farben erloschen, das Immergrün der südlichen Bäume, das Rosa der ersten Mandelblüten überzog sich mit dichtem Flor – eine der leuchtendsten Landschaften der Welt erstarrte in Leblosigkeit und Grauen, überflackert vom blutigen Widerschein am verdüsterten Himmel. Anderntags war es vorbei. Man kehrte den fruchtbaren, merkwürdig schweren Lavastaub von den Dächern und Terrassen in die Gemüsegärten, und die Hausfrauen benutzten ihn als vorzügliches Putzmittel. Der Regen wusch die Natur, der hohe Glanz ruhte wieder über Meer und Land, und nur eines fehlte: die Rauchfahne wehte nicht mehr.

Man sollte nicht darüber sprechen. Vor dem geistigen Auge der ganzen Welt blendet bei Erwähnung des Golfs von Neapel die berühmte Ansichtskarte auf: im Vordergrund das runde Nadeldach der hochstämmigen Pinie, dahinter die Schwingung der Bucht, und ihr zur Seite der Vesuv, jedermann kenntlich durch sein festliches Banner. Und nun? Wie, dieser gleichgültige, tote Hügel soll der berühmte Vesuvio sein, le Vesuve, die Vesuvius of Mr. Bulwers story? Lächerlich! Die Neapolitaner sind noch enttäuschter als die Fremden. Alle Bilder stimmen nicht mehr, die Photos trügen, die Postkarten muten wie unlautere Reklame an. Man fühlt sich wie ertappt, als Betrüger entlarvt und all jener betrüblichen Charaktereigenschaften überführt, die ein zähes Vorurteil schon immer den Neapolitanern zugeschrieben hat. Die maliziösen Römer lachen sich ins Fäustchen, von den Mailändern gar nicht zu reden. Aber kann man denn von den Neapolitanern verlangen, daß sie auf den Millionen Konterfeis ihres Vulkans die Rauchfahne vegretouschieren? Schließlich bleibt ja auch zwischen Neapel, Pompeji, Capri und Paestum genug des Staunenswerten für die heiß ersehnten Fremden aus allen fünf Kontinenten.

Und wirklich, sie finden sich damit ab. Der Reisende ist ohnehin gewöhnt, überall fünf Minuten zu spät zu kommen, und auf las ewige Geseufze der Älteren: "Das hätten Sie früher mal sehen sollen", reagiert er längst nicht mehr, "Ja, und der ungeheuere Pilz über dem Vesuv, der zerstiebend Pompeji, Herculaneum und Castellamare begrub, dieser Pilz, dessen Schilderung bei Plinius den Leser während neunzehn Jahrhunderten den Kopf aufstützen ließ, dieser historische Pilz also wurde durch den von Hiroshima samt aller Dämonie der Natur an eine tief untergeordnete Stelle verwiesen. Man hat die Dämonen umgesiedelt. Die berühmte Rauchfahne über dem intermittierenden Gerumpel, bei Nacht von rotem Gezüngel angeleuchtet, hätte noch Goethe ans Fenster gebannt, allen Erdkräften magisch hingegeben. Doch als Werner v. Siemens dem Ausbruch vom Mai 1878 beiwohnte, eilte er hinauf, sah sich die Sache an und formulierte seine Eindrücke wie folgt: "Da eine Atmosphäre auf einen cm hoch 2 mit 1 kg drückt und der Querschnitt der ganzen Erde... ist, so beträgt die Zahl der Atmosphären für das Gleichgewicht... 20 oder 62,8."