Veni, vidi, vici –: Die Debütantinnen des Ruhms, die sich zur Wahl der jeweiligen Landesschönsten stellten, konnten diesen Ausspruch des großen Cäsar nicht einmal zaghaft flüstern. Sie sahen nicht, sondern wurden gesehen. Und das war fatal. Hätten sie doch vorher den Spiegel an der Wand zu Rate gezogen, dann wäre ihnen die Lächerlichkeit und den ums Eintrittsgeld erleichterten Besuchern der Schönheitskonkurrenzen in Frankfurt, Stuttgart, München und Hamburg die Pein .erspart geblieben. So aber präsentierten sich die Verwegenen, während die Schöneren unter männlichem Schutz im Publikum saßen.

Der Paris des Jahres 1950 zog von Süden nach Norden durch die Deutsche Bundesrepublik. Ihm war außer dem Siegesapfel von der Zeitschrift "Magazin" (die noch genau so geschäftstüchtig als Schönheitsapostel fungiert wie zuletzt Anno 1934) eine frohe Botschaft mitgegeben worden: Deutschland darf zum erstenmal nach dem Kriege wieder an der Wahl der Miß Europe in Frankreichs Metropole teilnehmen. Wie hebt diese Kunde das Lebensgefühl!

Man strömte herbei, nicht zuletzt um die Grazien im Gefolge des Paris zu sehen. Da reiste mit Miß France, die Miß von der Côte d’Azur und die aus Marseille, außerdem die zur Schönsten deklarierte Dänin. Aber zumindest die schönste Französin hatte man sich ganz anders vorgestellt! Und dann die Kostüme! Modell Bikini: So blutig ernst war man bisher in Deutschland noch nicht vor die vollendete Tatsache gestellt worden. Es handelte sich um ein Stückchen Stoff in der Größe eines Herrentaschentuches, das geschickt auf verschiedene Körperstellen verteilt war. Die Besitzer solcher Schnupftücher staunten sehr. An der Grenze des Möglichen hörte diese Badeschau auf. Die ausländischen Königinnen zogen Modellkleider an und mischten sich unter die Zuschauer. Im deutschen Süden war der Beifall für sie frenetisch. Im Norden brauchte man einen Conférencier, der mit trunkenen Worten zum Klatschen anfeuerte.

Paris mußte überhaupt erfahren, daß sich im Norden Schönheit schwerer wählen läßt. Als er in Hamburg ankam, hatte er zwar bereits festgestellt, daß in Stuttgart eine Eisverkäuferin aus Schlesien, in Frankfurt eine Hamburgerin und in München ein Breslauer Kind den Sieg errangen. Er wußte aber noch nicht, wie peinlich Hanseaten von Geschmacklosigkeit berührt werden können. Was in München eine Gaudi war, nahm im Hamburger Hotel die qualvollen Symptome einer "geschlossenen Gesellschaft" an (wofür Sartre nicht verantwortlich zu machen ist). Die wenigen Abgesandten der wirklichen und desto mehr der scheinbaren Gesellschaft mußten zusehen, wie achtzehn Pseudo-Aphroditen gleich angeschossenen Hasen durch die Tischreihen liefen, sich krampfhaft an ihr Nummernschild klammerten und mit dem Mute der Verzweiflung ein verzerrtes Lächeln gegen das Scheinwerferlicht hielten. Als sie zum zweitenmal im Badeanzug einherstolperten, wurden viele der zuschauenden Damen sichtlich nervös. Bei den Herren variierten die Reaktionen vom tiefen Zug aus der Zigarette bis zum saftigen Schlag auf die kleinen runden Tische. "Man sollte die armen Hühner einfangen und in ihren Stall zurückbringen", das sagte mit Empörung ein honoriger Kaufmann, der seine Neugier bitter bereute.

Es war kein Jahrmarkt der Eitelkeiten, es war eine Schaustellung des Ungraziösen. In Frankreich macht man so etwas sicher hübscher. In Hamburg wählte man, weil es so verlangt wurde. Wozu? Um einer siebzehnjährigen Schülerin, die in Berlin aufgewachsen ist, Flausen in den Kopf zu setzen und ihr den Weg nach Travemünde freizulegen, wo im nächsten Monat Miß Germany aus der Taufe gehoben werden soll.

Der Unfug soll in Hollywood enden, wo die Auserwählten zur letzten Entscheidung antreten: Miß Universum ante portas. Wer gab den Wählern eigentlich ihr Stimmrecht und was ist der Grund der Wahl? "Wird hier die Schönheit prämiiert oder der Mut?" fragte ein Hamburger ratlos. Die Bescheidenheit jedenfalls nicht, schl.