Die Furcht vor dem Spitzel, dieses Barometer des Terrors, hängt, wie über allen Lebensbereichen des totalitären Staates, auch über seinen Schulen. In der Deutschen Demokratischen Republik, wie sie, verlogen und prätentiös, von den Machthabern benannt wurde, zieht man dieses Spitzelnetz besonders an den höheren Schulen immer enger. Es ist dem Lehrer wie dem Schüler gleich gefährlich. Es läßt weder natürliche Autorität noch vertrauensvolle Aussprachen aufkommen. Dem "fortschrittlichen" Neulehrer, der mit dem Lehrstoff meistens auf sehr schlechtem, aber dafür mit den SED-Funktionären auf um so besserem Fuß steht, werden alle Chancen der Anstellung und der Beförderung gegeben. Man ist dabei, die letzten innerlich unabhängigen Direktoren der Oberschulen durch gefügige Subjekte zu ersetzen. Die Volksbildungsministerien sind in den Händen zuverlässiger Kommunisten, die dafür sorgen, daß die Schulräte und die Leiter der Oberschulen die richtige Überzeugung zur Schau stellen und nach ihr handeln. Die Kandidaten für die Schulleiterposten werden vom "Deutschen Pädagogischen Zentral-Institut" vorgeschlagen, das sich aus "bewährten" Lehrkräften, Vertretern der FDJ, der "Jungen Pioniere", der "Freunde der neuen Schule", und wie die Maskierungen sonst noch heißen, zusammensetzt und dem Volksbildungsministerium untersteht. Unter den Lehrern ist zwar der Prozentsatz der eingeschriebenen SED-Mitglieder noch verhältnismäßig gering, aber kaum einer von ihnen kann sich der politischen Tätigkeit entziehen, die von ihm verlangt wird. Lehrer, die einer der sogenannten bürgerlichen Parteien angehören oder offen der Kirche zuneigen, sind in ihrer Position stark gefährdet. Jedes Wort, das sie im Unterricht fallen lassen, wird von den Spitzeln, die man unter ihre Schüler setzt, belauert. Keine "reaktionäre" Äußerung, sei es eines Lehrers oder eines Schülers, bleibt dem Schulleiter verborgen.

Parteipolitische Beeinflussung gilt als das A und O des Unterrichts. Der Volksbildungsminister Grünberg hat es mit kaum zu überbietender Deutlichkeit gesagt: "Der Schulunterricht, ob Chemie oder Mathematik, ist mit den Kampfaufgaben der FDJ zu verbinden und auf das Deutschlandtreffen zu beziehen." Die vier Wochenstunden des Deutschunterrichts wurden kürzlich auf drei herabgesetzt, damit man eine zusätzliche Stunde für "Gegenwartskunde" gewinne. Aber auch diese restlichen drei Stunden dienen keineswegs der sachlichen Behandlung des Lehrstoffes. Da wird lang und breit über die "Nationale Front" gesprochen, da werden Opfer des Faschismus geehrt, da wird der "demokratischen" Frauenbewegung gedacht, da muß ein Aufsatz geschrieben werden: "Warum Freundschaft mit der Sowjetunion?" Und kommt man endlich zum eigentlichen Lehrstoff, etwa der deutschen Literatur, dann wird das Werk Heinrich Manns mit einer Ausführlichkeit und Tendenz behandelt, als hätte die ganze deutsche Literatur nichts Interessantes außer Heinrich Mann hervorgebracht. Soweit man sich aber mit der doch nicht ganz zu ignorirenden klassischen Werken auseinandersetzen muß, geschieht es unter den verfälschten Perspektiven eines einseitigen Klassenstandpunkts. Der Geschichtsunterricht ruht völlig auf den Thesen des dialektischen Materialismus. Geht es um Naturwissenschaft, dann werden vor allem russische Forschungsergebnisse und Theorien hervorgehoben. Der Unterricht in den Fremdsprachen, soweit es sich nicht um das Russische handelt, das als erste Fremdsprache gelehrt wird, muß der Hetze gegen "Kapitalismus und Imperialismus" dienen. In der Lateinstunde werden die Klassengegensätze der Antike dargelegt. In der Musikstunde werden kommunistische Kampflieder gelehrt und im "Kunstunterricht" (Zeichnen) läßt man die Schüler Plakate für kommunistische Aktionen anfertigen. Fast jede Woche fällt ein Schultag aus. Dann wird entweder "Aufbauarbeit" geleistet oder man hält Feierstunden ab zum Gedenken Lenins, Stalins, Piecks, irgendwelcher Revolutionstage und aus anderen Anlässen. Oder man trommelt die ganze Schule in die Aula zusammen, um Resolutionen abzufassen.

Sehr verfänglich sind jene "offenen" Diskussionen, die den Schüler in der Dialektik ausbilden sollen. Man fordert ihn auf, sich recht freimütig zu äußern und schickt FDJler vor, die auftragsgemäß kommunistische Maßnahmen kritisieren. Läßt sich dadurch ein Unvorsichtiger verleiten, etwa aus Überzeugung ins gleiche Horn zu stoßen, dann hat das in der Regel für im bald sehr schlimme Folgen. Auch in Privatunterhaltungen der Schüler ist größte Vorsicht geboten. Überall sind Spitzel am Werk, um antikommunistische Äußerungen aus ihren ihnen oft durch größere Begabung unbequemen Kameraden herauszulocken.

Solche "reaktionäre" Schüler werden – man möchte den Schein der Gerechtigkeit wahren – vor Überprüfungskommissionen gebracht, die schon durch die Fragestellung, nicht zuletzt die politische, für das erwünschte Prüfungsergebnis sorgen. Die erste größere Säuberungsaktion unter Schülern fand im April dieses Jahres statt. Seither gab es immer wieder solche Säuberungsaktionen. Wer sich zum Spitzel hergibt, braucht für seine Prüfungsnoten nicht zu bangen. Ihm werden keine Schwierigkeiten bereitet. Und sind seine Leistungen unzureichend, dann wird dies etwa mit dem Bemerken entschuldigt, der Prüfling sei durch seine "fortschrittliche Tätigkeit" am Lernen behindert gewesen, aber er werde diesen Mangel bei seiner Einstellung bestimmt noch ausgleichen – wie sich eine Prüfungskommission an einem ehemaligen Gymnasium ausdrückte. So versucht die SED mit diesen halbgebildeten, politisch verbohrten, sachlich unzulänglichen und darum in ihrer Existenz um so abhängigeren Fanatikern eine intellektuelle Garde heranzuziehen, auf die sie sich in Zukunft stützen zu können glaubt.

Robert Strobel