Ein Ärgernis erregendes Buch", stellte der Stadtrat von Neapel fest und verhängte den Bann über Curzio Malapartes Roman "La Pelle" (vgl. "Die Zeit" Nr. 12 vom 23. März 1950). Deutsche Leser können nun nachprüfen, ob Lust am Ärgernis und der Sensation oder Wahrhaftigkeit und guter Wille dem vielgenannten, heftig umstrittenen, von manchen des brutalen Zynismus, von anderen der Leichtfertigkeit bezichtigten italienischen Autor die Feder geführt haben. "Die Haut" ist soeben im Stahlberg-Verlag, Karlsruhe, erschienen (426 S., DM 12,40).

Der Erzähler stellt sich, als gebe er, was man einen "Tatsachenbericht" zu rennen pflegt, und beschreibe die Erlebnisse, die er, der Hauptmann Curzio Malaparte, als Verbindungsoffizier bei der 5. amerikanischen Arme von deren Landung in Neapel bis zu ihrem Einzug in Mailand gehabt hat. Doch die Bezeichnung "Roman" warnt ausdrücklich davor, ein historisches Dokument zu erwarten, und verweist auf einen starken Anteil dichtender Erfindung. Anderseits: eine Fabel, eine Handlung hat das Buch nicht. Es reiht Vorfälle, Gespräche und eigene Betrachtungen so aneinander, wie es der Memoirenform eigentümlich ist.

Also eine fingierte Reportage? Das käme dem Charakter des seltsamen und einzigartigen Werkes (das nur in desselben Autors "Kaputt" einen Vorgänger hat) ziemlich nahe, sagte aber nichts über Sinn und Absicht der Fiktion. Diese werden dem zwischen Bestürzung und Belustigung, zwischen Dégoût und herzlicher Teilnahme hin und her geschleuderten Leser nicht eher aufgehen, als bis er den Titel deuten kann: die "Haut", das ist (wörtlich und allegorisch zugleich zu verstehen) das, woraus wir nicht heraus können, die eigene Existenz eines jeden, und es ist das, wovon wir uns nicht zu lösen vermögen: Erinnerungen, Nationalität, Gemeinsamkeit. Malaparte steckt in einer italienischen Haut, in der Haut eines Volkes, das sowohl besiegt als befreit wird, das in sich selbst unter Mitsieger und Geschlagene zerfällt und das Bild erbarmungswürdiger Zerrissenheit und Demütigung bietet. Er selbst, Malaparte, kann diese Haut nicht abstreifen. Er leidet die Schmach und Verworfenheit bei vollem Bewußtsein mit und kann die Qual nur überstehen, weil ihm die Götter den Witz verliehen haben, um zu sagen, was er leidet.

Ob die oftmals kruden, abstrusen und schauerlichen Vorfälle, die auf der Phantasie des Lesers noch lange nachher lasten, sich "tatsächlich" begeben haben, ist dafür ganz unerheblich. Vermutlich sind die meisten erfunden. Aber das macht sie nicht weniger wahr. Auch Anekdoten haben ihren Erkenntniswert, unabhängig von ihrer historischen Beglaubigung. Malapartes Roman ist geradezu eine Komposition aus großen und kleinen, erhabenen und lächerlichen, scharfen und milden Anekdoten – ein allerletzter Nachfahr der italienischen Schwankbücher, der "Faceiten" des fünfzehnten Jahrhunderts, ja schließlich des Decamerone selbst.

An brüsker Offenheit der Schilderung geht Malaparte, Schüler dies James Joyce und der französischen Surrealisten, noch weit über Boccaccio hinaus – so weit, daß Lüsternheit, sollte sie beim Leser aufkommen, alsbald durch Schauder erstickt wird. So unerbittlich wie dieser "Zyniker" hat nie ein Bußprediger die Schamlosigkeit und Pervertierung als Krankheitsbilder gemalt, und Vergnügen am Laster ist hier unüberlegte Regung der Sieger, die sich bei ihnen aber schnell in Betroffenheit und schamhafte Einkehr verwandelt.

Einen Spiegel für Sieger und Besiegte hat Malaparte geschrieben. Die unbefangene Selbstüberschätzung, die den durchschnittlichen Amerikanern eigen ist, stellt er in Kontrast zu der aufgestörten Ratlosigkeit der italienischen Massen, die in ihrer fast heidnischen Schicksalsfrömmigkeit des Grolls der Unterlegenen nicht fähig sind.

Wo das Ärgernis erregt, mangelt die Bereitschaft, bitteren Wahrheiten standzuhalten.

Christian E. Lewalter