Düsseldorf, Anfang Juli

Bert Brechts "Berliner Ensemble" drapierte bei seiner Gastspielreise durch westdeutsche Städte (Hannover, Braunschweig, Dortmund, Wuppertal, Düsseldorf) die jeweiligen Bühnenvorhänge mit Picassos Friedenstaube. War daran Anstoß nahm, dem wurde erwidert, das sei das Enblem der Truppe wie einst die Möwe das des Moskauer Künstlertheaters. Kaschierung eines Stoßtruppunternehmens mit künstlerischer Qualität, Gewinnung politisch ahnungsloser Kunstfreunde durch Klassenkampfpropaganda im Gewände hochgezüchteter und erfinderischer Theaterkultur – das war der Sinn dieser Rundreise. In Berlin und gar in der Sowjetzone mögen der Abstand des hier gepflegten Bühnenstils zu den Normen des "sozialistischen Realismus" und die erstaunliche künstlerische Unabhängigkeit des Ensembles (in dem außer Brecht und seiner Frau Helene Weigel der Regisseur Erich Engel, die Bühnenbildner Caspar Neher und Teo Otto und der Musiker Paul Dessau die führenden Köpfe sind) deutlicher erkennbar werden und auch dem für kommunistische Infiltration nicht Anfälligen doppelte Bewunderung (ästhetische und moralische) abnötigen. Aber was unter der sowjetischen Herrschaft ein Zeugnis für Zivilcourage ist, kann trotzdem außerhalb des Eisernen Vorhangs ein Mittel zur Beförderung totalitärer Zwecke sein. Und so, als marxistisch-leninistische Agitation, ist diese Tournee durch Westdeutschland auch gemeint gewesen. Ein Trojanisches Pferd, das von den Belagerten mit instinktloser Begeisterung bejubelt wurde.

Die drei gezeigten Stücke waren durch ihre Autoren künstlerisch legitimiert. Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti war unter des Autors eigener Regie mehr eine authentische Auslegung seiner politischen Absichten als die Inszenierung seines dramatischen Gedichtes. Man sah eine Rummelplatzmoritat, in der für das Fossil des versoffenen Großgrundbesitzers keine Regung der humorvollen Milde oder des Mitleids aufkommen konnte. Leonard Steckel war ein virtuoses Säuferuntier, Erwin Geschonneck ein berlinischer Chauffeurstyp, dem das proletarische Klassenbewußtsein einfach selbstverständlich war. Die von Brecht als Naturgesetz gedeutete Unversöhnlichkeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurde mit turbulenter Freude demonstriert. Als Branntwein-Emma trug die großartige Therese Giehse die Erzählung von dem Roten im Lager und vom vergeblichen Besuch seiner Mutter mit Fisch und Butter als Herrengeschenk so herzbewegend schlicht vor, daß der Zuhörer wohl der Suggestion erliegen konnte: solche "Roten", das seien die wahren Helden im Kampf um eine neue Gesellschaftsordnung.

Ganz und gar beherrschte dann Therese Giehse die Bühne mit der Titelrolle in Maxim Gorkis 1936 nochmals überarbeitetem Schandporträt der russischen Bourgeoisie, Wassa Schelesnowa. Vollendete Typen ringsum, die von Berthold Viertel zu einem beklemmenden Gesellschaftsbild zusammengefügt worden waren. Abermals bezeichnete es Absicht und Methode des "Berliner Ensembles", daß der einzige natürliche und durch seine schlichte Aufrichtigkeit ans Herz rührende Mensch die verfolgte Revolutionärin war, die Maria Schanda mit gewinnender Einfachheit spielte. Man hatte ihr sogar einige tendenziöse Sätze gestrichen, um die Wirkung ganz aus der menschlichen Sympathie für die Gestalt und ihre Ideen zu ziehen.

Im Hofmeister des unglücklichen Reinhold Michael Lenz (von Brecht zu einer Komödie umgearbeitet) war die artistische Leistung wohl am höchsten gezüchtet. Ein bilderreiches, über alle dramatischen Konturen schäumendes Stück wurde zu äußerster Exaktheit, gebändigt. Im Rahmen eines Marionettenspiels, von den ironisierenden Klängen einer Spieluhr umklimpert, begab sich das erschreckende Martyrium des armen Hauslehrers, der von den Wohlhabenden als Dienstbote entwürdigt, in seiner Menschlichkeit verkrüppelt und zur Verzweiflungstat der Selbstentmannung getrieben wird. Hans Gaugler machte das erschütternd deutlich. Erstaunlich sicher jede einzelne Typenfigur. Aufs kunstvollste differenziert das Ganze. Die Wirkung: So waren sie, so sind sie und so würden sie immer sein, die Adligen und die Bürgerlichen, Tyrannen und Banausen – wenn man sie nicht liquidierte.

Johannes Jacobi