Der Verbleib der deutschen Kriegsflotte

Während 1918 das Gros der damaligen deutschen Flotte den Krieg unversehrt überstanden hatte, war bei der Kapitulation 1945 der größte Teil der 1939 vorhandenen oder im Laufe des Krieges fertiggestellten deutschen Einheiten versenkt oder außer Gefecht gesetzt. Der Rest der deutschen Flotte wurde unter den Siegern aufgeteilt. Eine erste vollständige Übersicht zeigt, daß auch dabei der scheinbar unvermeidliche alliierte Schlüssel der Kriegszeit angewendet wurde: Die Schlechten ins westliche Kröpfchen, die Guten ins sowjetische Töpfchen.

Als einziges Schlachtschiff überlebte das "Westentaschen-Schlachtschiff" Deutschland (1940 in Lützow umgetauft) den Krieg. Durch einen Fliegerangriff vor Swinemünde 1945 schwer beschädigt und im seichten Wasser gesunken, wurde das Schiff 1947 von den Russen nach Königsberg eingeschleppt und zum Artillerieschulschiff umgebaut. Nach neuesten Meldungen sollen seine ursprünglich vorhandenen zwei Drillingstürme mit 28-cm-Geschützen in zwei Zwillingstürme mit 30,5-cm-Geschützen umgewandelt sein, während die Mittelartillerie, die aus acht 15-cm-Geschützen bestand, nunmehr mit dem in der sowjetischen Marine eingeführten 13-cm-Geschütz ausgerüstet wurde.

Von den bei Kriegsende noch vorhandenen schweren Kreuzern hatte die amerikanische Marine den Prinz Eugen (10 000 t) in Dienst gestellt und ihn später als Versuchsschiff bei den Atombombenversuchen am Bikini Atoll verwendet. Die Seydlitz von derselben Klasse ist 1945 von der sowjetischen Marine übernommen und in Poltava umbenannt worden. Ein drittes Schiff der gleichen Serie, die ehemalige Lützow, wurde von Deutschland schon vor Beginn des Rußland-Feldzuges im Sommer 1940 in halbfertigem Zustand an die Sowjetunion verkauft. Das Schiff, das die Russen im Kriege nicht einsetzten, führt heute den Namen Petropavlowsk. Nach zuverlässigen Berichten werden beide Kreuzer zur Zeit in Leningrad umgebaut und sollen eine Bewaffnung von acht 15-cm-Geschützen erhalten.

Auch der letzte noch vorhandene leichte Kreuzer, die Nürnberg, (6000 t), ist unter dem Namen Makarow in die rote Flotte eingereiht worden. Und auch er wird gegenwärtig umgebaut. Wie verlautet, erhält er auf der Werft in Molotowsk statt-seiner früheren neun 15-cm-Geschütze eine Bewaffnung von sechs 16-cm-Geschützen. Endlich fährt ebenso noch die alte Schleswig-Holstein – der Veteran aus der Skagerrakschlacht und schon im ersten Weltkrieg veraltet – heute unter russischer Flagge. Im Dezember 1944 vor Gotenhafen gesunken, wurde sie von den Russen nach Dichtung der Lecks nach Königsberg gebracht, zum Artillerieschiff mit einer Bewaffnung von zwei 30,5-cm-Geschützen umgebaut und unter dem Namen Orel in die sowjetische Ostsee-Flotte eingereiht. Unklar ist hingegen das Schicksal des Flugzeugträgers Graf Zeppelin, der sich zwar gleichfalls in russischer Hand befindet, über dessen Weiterbau, Verwendung und Stationierung jedoch keine zuverlässigen Nachrichten vorliegen.

Von den bei Kriegsende vorhandenen deutschen Zerstörern befindet sich der ehemalige Z 38 (1941) unter dem Namen Nonsuch in der britischen Marine. Die ehemaligen Zerstörer Z 25 (1940) und Z 31 (1941) sind unter den Namen Hoche und Marceau in die französische Kriegsmarine eingereiht. Und auch auf den Zerstörern Paul Jacobi (1935) und Theodor Riedel – heute Desaix und Kleber – weht seit Kriegsende die Trikolore. Vier weitere deutsche Zerstörer sind in russischen Besitz übergegangen. Diese ehemaligen deutschen Boote – Friedrich Ihn, Erich Steinbruck, Karl Galster und Z 33 – befinden sich auf den Ostsee-Werften im Umbau.

Den Sowjets wurden von den Westmächten ferner überlassen: Die Torpedoboote Albatros T 12, T 17 sowie der ehemalige Flottenbegleiter F 7, sämtliche bei Kriegsende noch vorhandenen deutschen Minensucher – über 40 Einheiten –, die bei der Kapitulation noch vorhandenen Hilfs- und Schulschiffe, wie beispielsweise der Gorch Fock, und endlich das alte Linienschiff Hessen, das 1937 zum ferngelenkten Zielschiff umgebaut worden war. Es dient heute der russischen Flotte als Übungsobjekt.

Die Zahl der bei der Kapitulation vorhandenen U-Boote wird auf etwa 160 geschätzt. Die meisten wurden, an England übergeben. Nach englischen Angaben sind sie sämtlich bis auf das ehemalige U 1407, das jetzt den Namen Meteorite führt, verschrottet worden. In der französischen Marine fahren heute fünf ehemalige deutsche Boote. Die 740-t-Boote U 123 und U 510 sowie die 520-t-Boote U 471 und U 766. Zu Erprobungs- und Experimentierzwecken dient das moderne Schnorchelboot U 2518. Die genaue Zahl der heute unter Hammer und Sichel laufenden Boote ist unbekannt, da nicht sicher ist, welche Unterwasserfahrzeuge den Russen im fortgeschrittenen Baustadium bei ihrem Vormarsch 1945 in den ehemaligen deutschen Ostsee-Werften in die Hände fielen. Mit Sicherheit besitzen sie vier ehemalige deutsche Schnorchelboote vom Typ 1. U 2529, U 3041, U 3515 und U 3035. Ferner sechs Boote der 517-t-Klasse und eine unbekannte Zahl von Klein-U-Booten vom Typ "Seehund". J. G.