Manche Leute mögen es nicht, wenn über sie Geschichten verbreitet werden, die nicht wahr sind. Noch erinnern sich viele des traurigen Endes jener städtischen Garderobefrau, der nachgesagt wurde, sie habe diesen einflußreichen Posten nur erhalten, weil sie zum Islam übergetreten sei, und die sich das so zu Herzen nahm, daß sie ihr Leben mittels eines Mantelhakens endete. Welche Voreiligkeit, sich da gleich aufzuhängen! Sie hätte sich Herrn G. zum Vorbild nehmen sollen, von dem unser Viertel einmütig behauptet, er habe sein neues Haus mit geklautem Material erbaut, während es in Wahrheit ganz honorig aus hinterzogenen Steuern entstanden ist. Dieser Mann lebt heute noch.

Allerdings hat er von dem Gerede nie etwas erfahren. Und damit ist überhaupt der gewaltige Unterschied gekennzeichnet, den die Gegner der üblen Nachrede so gern außer acht lassen. Denn statt das Unmögliche zu begehren, daß über sie (ausgerechnet über sie!) nicht böse geredet werde, sollten sie sich, falls von Natur schreckhaft, nur eben wünschen, es nie hören zu müssen.

Freilich entgeht ihnen damit eine ganze Menge. Ich zum Beispiel mit meiner unbedachten Vorliebe für freundliche Behandlung, wäre gewiß nie dahinter gekommen, welchen Umständen ich gewisse Zeichen des Wohlwollens danke, die sich sogar zu Ausbrüchen eines mich beschämenden Entzückens oder bruderherzlichen Zustimmens oft schon gesteigert haben. Sehr wahrscheinlich wäre auch ich eines Tages dem Wahn erlegen, daß – von angeborener Güte bei andern abgesehen – auch vielleicht in mir selbst etwas läge, was als kleine Ursache für so groß empfangene Freundlichkeit könnte angesehen werden. Vor so verderblicher Selbstüberschätzung jedoch hat mich noch immer ein glücklicher Zufall bewahrt, indem er mir zu Ohren brachte, was diese Erz- und Aberfreundlichen eben erst über mich hatten verlauten lassen.

Zugegeben, beim erstenmal war ich noch etwas erschrocken. Es klang halt "so ganz anders". Aber seither bin ich auf den Geschmack gekommen. Liebe und Freundschaft, nun ja, das ist sehr sehr schön, aber selten. Und wenn dich schon wer liebt, der du ein schwacher fehlbarer Mensch bist, merkst du’s daran, daß er es für seine Pflicht und Schuldigkeit hält, dir das zu sagen.

Manchmal jedoch, gib es zu, möchtest du nicht so. sehr geliebt als bloß lieb angeschaut und angeredet werden. Und das kannst du nicht von denen erwarten, die vielleicht erst vor einer Viertelstunde gut von dir gesprochen haben. Denn nicht nur, daß ihr Vorrat damit erschöpft sein dürfte, es wäre auf die Dauer überdies ungerecht, weil unverdient! Wundere dich darum nicht über die Trockenen und Mürrischen. Ihre Verdrossenheit zeigt an, wie sehr sie im Grunde mit dir befreundet sind. Aber erfreue dich, wenn ich raten darf, nicht minder nachdrücklich derer, die bei deinem Anblick die Arme breiten in frohem Erschrecken und deren Züge sich mit Lächelglanz überziehen und die dir das Glück inniger Gemeinschaft immerhin versichtbaren.

Denn angenommen, sie haben noch kürzlich übel von dir geredet, so ist es ja nicht ihr schlechtes Gewissen, was sie treibt, derlei durch Frohmienen und Heiterworte zu vertuschen, sondern Gerechtigkeit und Großmut sind die Ursache. Beweisen sie nicht unwiderleglich, daß sie die Schlechtigkeiten, die sie dir nachsagten, dir auch dann nicht nachtrügen, wenn sie wahr wären?

Von so viel Nachsicht und Selbstüberwindung solltest du dich nicht weniger rühren lassen als sie selbst. Denn in der Tat lieben sie sich für die Liebe, die sie dir, ihrer Meinung ungeachtet, anzeigen, und man kann dir nur raten: liebe sie auch! Mag es auch persönlich nicht immer leicht sein, die Wahrheit um die Ecke gebracht zu sehen; bedenke doch, wo bliebe alle Höflichkeit, aller Anstand, wäre da nicht die liebe, üble Nachrede, die gebieterisch nach solchem Ausgleich verlangt. Wär’s nicht aus der Mode, man müßte ihr ein Denkmal setzen. Etwa in Gestalt einer sehr schönen Frau, die lächelnd einen Spiegel hinter ihrem Rücken verbirgt – vor dir, damit du, Falls du deiner darin ansichtig würdest, dich nicht zu Tode erschreckst. Hanns Braun