Von G. A. Borgese

Als Sprecher beim Berliner Kongreß für Kulturelle Freiheit ging der italienisch-amerikanische Literarhistoriker G. A. Borgese, heute Professor in Chicago, der Frage nach, welches die Wurzeln des totalitären Zwanges sind, dem die Kunst im Sowjetsystem unterworfen wird. Er zeigte dabei, daß in jeder Kultur eine gewisse Reglementierung des Geistes angestrebt wird und wies so auf die Gefahren hin, die es zu vermeiden gilt, wenn der Tod der Kunst nicht nach Westen übergreifen soll.

Zu Beginn der Odyssee erscheint der Dichter Phemios auf dem Fest der Freier. Er schildert die unglückselige Heimkehr der Achäer nach der Zerstörung Trojas. Penelope, die verwitwete Königin, hat beim Festprogramm ein Wort mitzusprechen. Als oberster Zensor will sie Phemios die Behandlung eines so traurigen und defätistischen Themas untersagen. Kronprinz Telemach hingegen vertritt den liberalen Grundsatz des Laisser-Faire. "Meine Mutter", sagt er, "warum verargst du dem lieblichen Sänger, daß er mit Liedern uns reizt, wie sie dem Herzen entströmen? Nicht die Sänger sind schuldig, sondern Zeus allein."

Der in ökonomischen Begriffen denkende Leser wird einwenden, Phemios sei im Grunde nur ein Werkzeug. Nicht sein Herz, sondern sein Magen veranlasse ihn, sich in der Wahl seines Stoffes und im Ton dem anzupassen, was seinen Brotgebern vielleicht besser gefällt. Da er sein Schicksal an das ihre gebunden hat, soll auch er der blutigen Säuberung zum Opfer fallen, die der heimgekehrte Odysseus im Schlußteil des Epos vollzieht. Er kommt nur deshalb mit dem Leben davon, weil er sich zur bedingungslosen Unterwerfung unter die Macht, und zwar unter jede Macht bekennt. Der König befiehlt nun eine andere Melodie. "Ich werde dich als Gott preisen", gelobt Phemios dem Odysseus. So erfährt die Dichtkunst Vergebung und Erniedrigung zugleich. In der Barmherzigkeit der Sieger steckt der Keim der Verachtung, mit der später Jakobiner und Kommunisten die Literaten als Höflinge des Feudalismus oder als Lakaien der Bourgeoisie schmähten.

Aus dem homerischen Dilemma zogen später die griechischen Philosophen eine anti-homerische Konsequenz und verboten alle Dichtkunst, die nicht vom Ritual und vom Gesetz des Staates geregelt war. Aristoteles, der sich ins Mittel legte, erreichte einen Kompromiß: die Dichtung durfte die tragischen Leidenschaften, welche die Republik fürchtete, in maßvoller Weise verwerten, sie sollte sie gewissermaßen in homöopathischen Dosen, zur Immunisierung der Leidenschaften, verabfolgen.

Aber der Argwohn blieb. Selbst die vielversprechendsten unter den modernen Utopien ähneln in fataler Weise der Republik Platos: sie beschneiden der Dichtung und den anderen Künsten das Selbstbestimmungsrecht oder nehmen es ihnen ganz und gar. Nur noch ein einziges Buch – mit dem allumfassenden Titel "Weisheit" – existiert in Campanellas "Sonnenstaat". Etienne Cabet, Autor der "Reise nach Ikarien", Schüler der Sozialisten Saint-Simon und Owen, beschwört die Verwalter seines in vollkommener Gütergemeinschaft lebenden Staates, daß sie die Bürger der Nation mit möglichst vielen Druckerzeugnissen versehen sollten, wobei sie jedoch Sorge zu tragen hätten, daß an sich nützliche Bücher, die "Unvollkommenheiten" enthielten, redigiert und alle irreparabel gefährlichen Werke, die zu nichts nütze seien, verbrannt würden. (Von den letztgenannten sollen allerdings ein paar Exemplare in den Staatsbibliotheken aufbewahrt werden – "zur Erinnerung an die Unwissenheit und Torheit der Vergangenheit und zu Ehren der fortschrittlichen Gegenwart".)

Der totalitären Behandlung der Künste halten wir die Freiheit der demokratischen Kultur entgegen. Aber wie uns allen bekannt ist, unterliegen die Künste auch bei uns gewissen Beschränkungen. Der amerikanische Generalpostmeister hat hinsichtlich der Verbreitung des Lesestoffes, den er für moralisch oder sozial verderblich erachtet, eine Macht in Händen, die in vielen Fällen über Leben und Tod entscheidet; denn er kann ihn vom Postversand ausschließen. Die von kirchlichen Instanzen ausgeübte Zensur hat stark zu der Sterilität und Stupidität der heutigen Filmproduktion beigetragen.