Ob Einsamkeit ein Wert für sich ist, wird schwer zu entscheiden sein. Vieles spricht dagegen, vor allem das tiefe Erstaunen, mit dem wir einen Einsiedler, der sich ganz und für immer in die Einsamkeit begeben hat, betrachten, als ob er ein sonderbares Tier oder – ein Heiliger wäre. Dieses Erstaunen sagt ziemlich viel: es ist die Kehrseite dessen, was die Philosophen die socialitas, die Gesellschaftswesenhaftigkeit des Menschen nennen, die Kehrseite somit der bedeutsamsten Eigenschaft des Menschen überhaupt. Auf der socialitas, die sich als ein Trieb von großer Heftigkeit, ähnlich wie Hunger und Liebe, äußert, beruht offenbar all das, was den, Menschen zum Menschen macht und vom Tier unterscheidet (obwohl auch manche Tiere einen Anflug davon besitzen), nämlich Sprache, Vernunft, Moral und daher Kultur. Wenn man sich das klar macht, sollte man über die ständige Anstrengung der Menschen, sich "in Gesellschaft" zu begeben, die sich in einem weiten Bogen vom gemeinsamen Zechen zweier Freunde – das tête-à-tête muß, weil einem anderen Triebe angehörig, vorerst beiseite bleiben – über den Kaffeeklatsch und die Cocktail-Party bis zur Massenversammlung spannt, keine abfälligen Bemerkungen machen. Dieses Bestreben ist natürlich. Der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er es nicht hätte.

Offenbar gibt es aber auch ein Zuviel an Gesellschaft. Wenn in einer Wohnung, die für fünf bis sechs Bewohner geeignet ist, nunmehr zwölf oder fünfzehn Menschen wohnen; wenn man keinen Schritt tun kann, ohne daß einem jemand über den Weg läuft; wenn man vor dem Badezimmer und – horribile dictu – vor der Toilette warten muß, wenn man auf dem Gasherd erst kochen kann, wenn die Nachbarin ihre Erbsen weich hat; dann kann einem diese Art von Geselligkeit wie sympathisch man auch immer die betreffenden Personen finden mag, mit der Zeit sehr stark auf die Nerven gehen. Sogar besteht dieses Problem für die Partner des tête-à-tête. Kopf an Kopf zu sitzen ist zwar sehr süß, aber nur für eine begrenzte Zeit. Kein Liebespaar würde bereit sein, sagen wir, vierundzwanzig Stunden ununterbrochen Kopf an Kopf zu sitzen. Ebenso, relativ ist die Geschichte von der kleinsten Hütte, in der für ein glücklich liebend Paar angeblich Raum ist. Natürlich ist darin Raum, aber doch nicht für die Dauer. Ein zu enges Beieinander pflegt nach einiger Zeit eine sanfte Sehnsucht nach Einsamkeit hervorzurufen.

Man sieht daraus, daß der Wunsch nach Einsamkeit nichts Ursprüngliches, nichts Natürliches, sondern bereits eine Reaktion, eine Folge der Übersättigung mit Gesellschaft ist. Diese Reaktion wird aufs lebhafteste dadurch gefördert, daß nicht nur Musik, wie Wilhelm Busch wähnte, sondern auch Geselligkeit mit Geräusch verbunden ist. Vielleicht ist sogar nichts am (in der Nähe lebenden) Mitmenschen mehr desillusionierend, als der Lärm, den er verursacht. Manche jungen Ehemänner ahnen nicht, wie schnell ihre Küsse vergessen sind, wenn sie sich, während ihre Gattin noch schlafen möchte, fröhlich pfeifend rasieren. Gar nicht davon zu reden, welche heftigen Abwehrgefühle fernerstehende Persönlichkeiten durch geräuschvolles Benehmen in den meisten Menschen hervorrufen. Obwohl man einräumen muß. daß die Empfindlichkeit gegen Lärm individuell verschieden ist, läßt sich doch nicht leugnen, daß überflüssiges Lärmen, weil rücksichtslos, von Gefühlsarmut, um nicht zu sagen Gefühlsroheit zeugt. Den sonst sehr – außer gegen die Philosophieprofessoren – milden Schopenhauer zum Beispiel hat diese Überlegung veranlaßt, gegen peitschenknallende Kutscher die Prügelstrafe zu verlangen, weil ihr Lärmen zur Folge habe, daß wegen eines einzigen Dummkopfes Hunderte gescheiter Männer in ihren Gedanken gestört würden. Er hat übrigens die Deutschen für die lärmendste Nation gehalten, "nicht, weil sie mehr als andere zum Lärmen geneigt wären, sondern wegen der aus Stumpfheit entspringenden Unempfindlichkeit derer, die es hinzuhören haben, als weiche dadurch in keinem Denken oder Lesen gestört werden, weil sie eben nicht denken, sondern bloß rauchen, als welches ihr denken, für Gedanken ist".

Dieses harte Urteil mag übertrieben sein, doch zeigt es deutlich, daß der Lärm bedeutende Haßgefühle gegen die menschliche Umgebung und ganz gewiß den dringenden Wunsch nach Einsamkeit hervorrufen kann, für den es, wie wir vorhin gesehen haben, auch andere sehr triftige Gründe gibt.

Trotzdem: fast nie wird aus der Sehnsucht nach der Einsamkeit ein Entschluß. Der Mensch, zu dessen fundamentalen Eigenschaften die socialitas gehört, kann nicht aus seiner Haut heraus. Er verläßt, von der Sehnsucht nach der Einsamkeit verführt, zwar manchmal die Stadt, den Lärm, die überfüllte Wohnung, sogar die Geliebte. Aber er geht nicht in die Einsamkeit und er bleibt meist nicht lange. Und wenn er seinen Zustand genauer prüft, dann stellt er fest, daß er nicht vor den Menschen überhaupt, sondern nur vor bestimmten Menschen flüchten wollte, ja, daß er nicht einmal dem Lärm als solchem, sondern nur einem bestimmten Lärm entgehen wollte. Sonst wäre es nicht möglich, daß, er sich schon am zweiten oder dritten Tage seiner Flucht ganz fröhlich in Gesellschaft anderer Menschen bei lauter Tanzmusik wiederfände und nach einer Woche vielleicht sogar im tête-à-têtt. Es gibt freilich auch solche Flüchtlinge, die eine Zeitlang wirklich allein bleiben, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber es fragt sich, ob nicht selbst diese Beschäftigung ein Gesellschaftsspiel ist. Denn auch die Gedanken, die man sich selber widmet, haben nicht ein absolutes Ich, sondern in allererster Linie unsere Relationen, zu anderen Menschen zum Gegenstand.

Daher ist die Flucht in die Einsamkeit eine Illusion. Wir müssen um schon bereit finden, die Gesellschaft zu ertragen. Sie ist in Wahrheit unser Schicksal. W. Fredericia