Von einem militärischen Mitarbeiter

Die nordkoreanische Armee ist mit mindestens sieben, wahrscheinlich aber mit zehn Divisionen angetreten, hinter denen in zweiter Linie weitere drei bis fünf Divisionen standen. Ihre Bewaffnung ist modern. Das Rückgrat der Armee bilden die Panzer. Bei vorsichtiger Bewertung der bisher genannten Zahlen kommt man auf mindestens 180 bis 200 Panzer in der ersten Angriffswelle. Dies entspricht ungefähr der Panzerstärke von zwei aufgefüllten deutschen Panzerdivisionen, wie sie im letzten Weltkrieg auftraten. Wenn man die amerikanischen Erfolgsmeldungen zusammenstellt, ergibt sich die Summe von 170 vernichteten nordkoreanischen Panzern. Nach dieser Rechnung dürften also nicht mehr allzu viele nordkoreanische Panzer übrig sein. In Wirklichkeit ist dies nicht so. Es waren und sind sicherlich Reserven vorhanden. Außerdem kommt ein Umstand hinzu, der im allgemeinen gern übersehen wird: Nur ein Bruchteil der abgeschossenen Panzer fällt wirklich total aus. Viele sind wieder instandzusetzen, jedenfalls von jener Partei, die Gelände gewinnt, da sie die beschädigten Panzer in ihrer Hand behält. Der zurückgehende Teil dagegen verliert alle, auch die nur leicht beschädigten Panzer. In dieser mißlichen Lage befinden sich aber zur Zeit die Amerikaner.

Die nordkoreanischen Tankformationen bestehen aus den beiden bekannten sowjetischen Grundtypen in verbesserter Form, dem mittleren T 34 und dem schweren "Stalin", die zu den besten Panzern der Welt gehören. Im zweiten Weltkrieg hatte der T 34 den geringsten Bodendruck sämtlicher Panzertypen der kämpfenden Mächte und dementsprechend die größte Gängigkeit in einem Gelände mit weichem Untergrund – in der Reisfeldlandschaft von Korea von besonderer Wichtigkeit. Diesen beträchtlichen Panzerkräften standen bis vor kurzem keine amerikanischen Tanks gegenüber. Mehr als ein Panzerbataillon darf man auch bis jetzt nicht auf amerikanischer Seite annehmen, also bestenfalls rund 50 Panzer. Gleich beim ersten Einsatz gingen zehn davon verloren, und zwar total. Aus vielen Berichten geht zudem hervor, daß sowohl die amerikanischen Panzerkanonen als auch die Raketen der Flugzeuge nur unter besonders günstigen Umständen ausreichen, die schweren Typen der nordkoreanischen Panzer zu erledigen.

Es besteht kein Grund dafür, die amerikanische Infanterie für schlechter als die nordkoreanische zu halten. Aber sie ist zahlenmäßig weit unterlegen, hat Jahre bequemen Besatzungslebens hinter sich, in der Masse keine Kriegserfahrung, ist unter Zeitdruck vereinzelt in den Kampf geworfen, muß ohne Ablösung fechten und ist schließlich sicher von der Versorgung abhängiger als ihr Gegner. Unklar, aber zweifellos vorhanden ist die Auswirkung von Partisanen hinter der Front.

Die Stärke der in Korea eingesetzten amerikanischen Infanterieverbände ist schwer zu bestimmen. Sie dürfte bestenfalls die Hälfte der im Fernen Osten vorhandenen vier Divisionen ausmachen. Man muß sich übrigens vor Augen halten, daß die Stärke der gesamten amerikanischen Armee einschließlich der Europa-Verbände zur Zeit nicht mehr als elf Divisionen beträgt. Augenblicklich werden in den USA Truppen verladen, darunter die 2. Infanteriedivision und eine Marinedivision, die demnächst in Korea eintreffen dürften. Die südkoreanische Armee selbst, die im Anfang etwa fünf bis sechs Divisionen umfaßte, war nie mehr als eine unzureichend ausgebildete und schlecht bewaffnete Polizeitruppe. Sie ist bereits heute in der Westhälfte des Landes vom Kriegsschauplatz verschwunden, nur im Osten beiderseits des Rakuto-Flusses kämpfen noch einige reorganisierte Restverbände.

Die operative und taktische Führung der Nordkoreaner verrät gründliche russische Schulung und kann aus dem vollen schöpfen. Demgegenüber sind die Amerikaner vorläufig und zum erstenmal in ihrer Geschichte gezwungen, auf der Erde den "Krieg, des armen Mannes" zu führen; sie können der kämpfenden Truppe keine Ablösung gewähren und sind ständig damit beschäftigt, Löcher zu stopfen – welch eine Paradoxie angesichts der tatsächlichen Größenordnung beider Gegner! Die operative Führung der Amerikaner kann sich zunächst nur auf die schwierigste Kampfart, den hinhaltenden Widerstand, beschränken. Die Nordkoreaner dagegen haben die berüchtigte "Sickertaktik" der Russen adoptiert, wie der Durchbruch am Kum gezeigt hat. Aus einer unbedeutend erscheinenden Einbruchsstelle wird mit Hilfe dieser Methode über Nacht die entscheidende Durchbruchslücke.

Eine Wendung ist frühestens in der ersten Augusthälfte zu erwarten. Geht Fusan verloren, dann bleibt, wenn man Korea nicht aufgeben will, nur eine erneute Landung von Japan aus, die in den USA auch bereits diskutiert wird. Ein amerikanischer Offizier sagte: "Es ist unmöglich für uns, Korea zu verlieren. Wir hätten diese Sache in fünf Tagen erledigen müssen. Daß wir es nicht konnten, war eine bittere Lehre. Aber es war die letzte!" G.K.