Von Johannes Jacobi

Die soeben abgeschlossenen Ruhrfestspiele, für die bereits das etwas zweideutige Schlagwort "Salzburg des kleinen Mannes" geprägt wurde, verdienen besondere Beachtung durch ihre Ausnahmestellung innerhalb der allgemeinen sommerlichen Festspielgeschäftigkeit. Ihr Hauptanliegen war die Bemühung, endlich ein echtes und entwicklungsfähiges Verhältnis zwischen der Arbeiterschaft und den wertbeständigen Werken des Geistes herzustellen.

Recklinghausen scheint ein Kulturzentrum, die dort stattfindenden "Ruhrfestspiele" eine ständige Einrichtung zu werden. Die führenden Männer des Deutschen Gewerkschaftsbundes durchdenken ihre junge Gründung mit systematischer Geistigkeit. Davon zeugte, außer dem künstlerischen Programm der diesjährigen Ruhrfestspiele, das "Europäische Gespräch", das an vier Tagen der vier Festspielwochen über kulturelle Probleme der Arbeiterschaft geführt wurde. Angehörige der Intelligenz (Eugen Kogon, Alfred Weber, Ernst von Schenk) und Gewerkschaftsführer setzten sich zusammen in der Erkenntnis, daß sich der Arbeiterschaft heute eine gewisse Ermüdung bemächtigt hat. Im Bezirk der Kultur hat sie bisher nicht nur keine eigenen Leistungen von allgemeiner Bedeutung hervorgebracht, sondern beginnt sogar, sich auf Grund immer noch mitgeschleppter Klassen Vorstellungen auch an der überlieferten Kultur zu desinteressieren. Aber ohne sie ist der allgemeine Kulturverfall nicht aufzuhalten; auch politische Positionen, wie das Mitbestimmungsrecht, können überhaupt nicht sinngemäß besetzt werden. Da für die Kultur die gesellschaftliche Basis zu schmal geworden ist, hat die Intelligenz dasselbe Anliegen, die sozialen Grundlagen der Kultur zu verbreitern. Wie das praktisch möglich sei, das war das eigentliche Gesprächsthema in Recklinghausen.

Die Solidarität wurde als ein der Arbeiterschaft eigener, stoßkräftiger Begriff herausgestellt und als Nährboden für eine Persönlichkeitsbildung bezeichnet, die in der Massendemokratie die Würde und die Freiheit des einzelnen zum Inhalt hat. Denn in der Auseinandersetzung zwischen dem Managertum der Marktwirtschaft und dem hochspezialisierten Kampfkollektivismus wird von der Arbeiterschaft schließlich nur das verteidigt werden, was sie ebenso sehr als ihre eigene Angelegenheit empfindet wie die Sicherung von Leben, Arbeit und Wohlfahrt.

Aus diesem fast erschreckten Erwachen sind die mannigfaltigen und zum Teil überraschenden Initiativen des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu verstehen. So wurde erklärt, daß die Gewerkschaften mit den Ruhr fest spielen aus dem "Raum der Lohntüte" auf- und ausgebrochen seien in den "Raum des Geistes". Mit den Ruhrfestspielen treten die Arbeiterschaft und ihre gewerkschaftliche Organisation als Auftraggeber an die Welt des Theaters heran. Dieses neue Mäzenatentum konnte ein künstlerisches Programm aufstellen, dessen Ansprüche sich in schroffen Gegensatz zur unterhaltenden "Volkstümlichkeit" setzten. Der Widerhall bei den Angesprochenen zeigte, daß man sich nicht verrechnet hatte. Denn die Kartenanforderungen für fast alle Vorstellungen überstiegen – in einer Zeit der allgemeinen Theaterkrise – um das Dreifache die den Gewerkschaften zur Verfügung stehenden Plätze. (Jeder Gewerkschaftsbesucher hatte drei Mark für jede Vorstellung zu zahlen.)

Der DGB begnügte sich jedoch nicht mit der Funktion eines Kartenmaklers. Durch Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Volkshochschulen wurde erreicht, daß bereits in diesem Jahr von siebzig Volkshochschulen rund achttausend über die Gewerkschaften herangeführte Besucher der Ruhrfestspiele wohlvorbereitet zu den Aufführungen kamen. Der DGB hat da die Aufgabe der Volksbühnenvereine übernommen, die sich mehr und mehr der Ermüdungstendenz des "bürgerlichen" Theaters beugen und kaum noch mehr als eine Absatzorganisation für verbilligte Karten sind.

Was auf der Bühne des städtischen Saalbaus in Reckling hausen geboten wurde, mochte noch als Versuch gelten, der mit manchen personellen und organisatorischen Mängeln behaftet war. Immerhin hatte das Schauspielrepertoire in diesem soziologischen Rahmen ein bemerkenswertes Profil. Mari ging davon aus, daß das Theater sein Publikum nur ansprechen könne, wenn das Weltbild der Dichtung mit dem Weltbild der Zuschauer zusammentrifft. Das Grunderlebnis unserer Zeit ist die Angst, das Gefühl der Unsicherheit und der persönlichen Ohnmacht. Dem begegneten von verschiedenen Seiten her die gezeigten Werke: Shakespeares "König Lear", "Die Irre von Chaillot" von Giraudoux, "Der Prozeß" nach Kafkas Roman und "Die Kronbraut" von Strindberg. Sie konfrontierten die Zuschauer mit ihrer eigenen inneren Situation und stellten als positiven Gehalt der Dichtung dagegen: das Leben im Gehorsam gegenüber immanenten Naturgesetzen, das Vertrauen von Mensch zu Mensch und die Nächstenliebe. Opern, wie Webers "Freischütz" und Verdis "Othello", ließen sich zur Not auch noch unter die dramaturgische Devise "Der Mensch und die Mächte" bringen. Aber im Vergleich mit den mehr experimentellen Proben modernen Musiktheaters in den meiden Vorjahren hatte das Opernprogramm, zu dem noch Bizets "L’Arlesienne" als Pariser Gastspiel kam, diesmal mehr die Funktion eines ästhetisch-"kulinarischen" Gegengewichts zu den geistigen Ansprüchen der Schauspielaufführungen.