Im Osten gab es ein Sprichwort, das sagte: Nichts dauert so lange wie das Provisorium. Für die westlichen Bereiche scheint dies nicht zuzutreffen, denn bei den Wahlen von Schleswig-Holstein hat sich gezeigt, daß die Flüchtlinge nicht länger gewillt sind, das Provisorium, in dem sie seit Jahren leben, zu ertragen.

Im Januar hatte sich der "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten" als Partei konstituiert, ohne alle organisatorischen Voraussetzungen, ja ohne Wahlfonds, und am 9. Juli wurde er stimmenmäßig die zweitstärkste Partei des Landes. Das ist ein Ereignis, das zum ersten Male die heutige Wirklichkeit, so wie sie ist, nackt und ganz realistisch enthüllt und alle Fiktionen mit elementarer Gewalt über den, Haufen geworfen hat. Keiner der verschiedenen Kommentare wird diesem Faktum gerecht: Weder ist das Bedeutsame an diesem Ereignis die Niederlage der extremen Splitterparteien und damit der Triumph der politischen Vernunft eines viele Irrwege gegangenen Volkes, noch ist das Besondere dieser Entwicklung darin zu sehen, daß die weltanschaulichen Parteien dem Ansturm einer Interessengruppe erlegen sind. Handelt es sich nur darum, daß hier die Besitzlosen gegen die Besitzenden aufgestanden sind, die haves gegen die havenots, so wäre das im Grunde die Bestätigung der Marxschen Theorie, daß das ökonomische Sein das Bewußtsein der Menschen forme; die selbstverständliche Konsequenz hätte dann die Geburt einer national-kommunistischen Partei sein müssen. Jedoch mit vollem Recht ist dies nicht eingetreten.

Das Klassenbewußtsein der Flüchtlinge basiert nicht auf ökonomischen Prinzipien allein. Obgleich als Masse ansprechbar, sind sie doch keine homogene soziologische Einheit. Sie alle, ob Großgrundbesitzer oder Bauern, ob ehemalige Beamte, Gewerbetreibende oder Arbeiter, wurzeln noch in der Vorstellungswelt ihres Gestern. Gewiß sind sie alle gleichermaßen verarmt, "depossediert" und entrechtet, aber neben dem sozialen Ressentiment ist es das irrationale Triebmoment der Sehnsucht nach der Heimat, nach dem früheren Leben, das sie verbindet. Viele Flüchtlinge sind heute schon wieder in die Wirtschaft Westdeutschlands eingereiht als Ärzte, Lehrer, Beamte oder Arbeiter. Sie sind wieder Besitzer eines Arbeitsplatzes und damit eines festen Einkommens, dennoch sind sie "klassenbewußte" Flüchtlinge geblieben und stimmten für den BHE. Während es viele Einheimische gibt, die arbeits- und besitzlos sind und die, hätte Marx recht, sich mit den zugewanderten Kameraden der "Reservearmee" zu einer klassenkämpferischen Partei vereinigt haben würden.

Die neue Partei heißt "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten", und gerade das Entrechtetsein ist ein sehr wesentliches und sie alle verbindendes Element. Selbst wenn alle Flüchtlinge wieder Wohnung und Arbeit und ein leidliches Auskommen hätten, würde jeder von ihnen bis an sein Lebensende die Frage stellen: Mit welchem Recht hat man uns die Heimat genommen? Und sie werden es immer wieder sagen Wir wollen zurück in unsere Heimat, auf die wir ein Recht haben! – Vielleicht kann man in diesem Sinne von einem intersozialen Klassenbewußtsein der Flüchtlinge sprechen. Einem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, das auch den sozial arrivierten Flüchtling stärker mit den Heimat vertriebenen im Barackenlager verbindet als mit seinen westlichen Kollegen innerhalb der sozialen Hierarchie.

So wie die Taten Hitlers die Juden der ganzen Welt wieder zu einer Einheit zusammengeschweißt haben, so haben die Abkommen der Alliierten in Jalta und Potsdam die vertriebenen und entrechteten Ostdeutschen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengefügt. Und so wie der Schatten von Auschwitz über allem liegt, was Deutschland seit 1945 an außenpolitischem Kredit wieder aufzubauen trachtet, so lasten die Folgen von Jalta und Potsdam auf dem wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau im Innern. Noch ist nicht zu übersehen, ob die neue Entwicklung in Schleswig-Holstein, die Tatsache nämlich, daß sich die Flüchtlinge ihrer Situation bewußt geworden sind, den Beginn positiver sozialer Reformen einleitet oder ob sie den ersten Stein einer politischen Revolution ins Rollen gebracht hat. Alles wird von dem Verantwortungsbewußtsein der Parteiführer abhängen, die sich darüber klar sein sollten, daß "Führer" einer Massenbewegung sehr oft als Geführte enden. Zumal in diesem Fall nicht klar ist, ob sich unter dem Begriff Entrechtete nicht auch die im Entnazifizierungsverfahren – mit und sehr oft auch ohne Recht – Deklassierten dazu finden und eine besondere Aktivität entfalten werden.

Es hätte nicht so zu kommen brauchen. Es war keineswegs zwangsläufig, daß die Flüchtlinge in Westdeutschland so an den Rand des Geschehens gedrängt wurden, daß schließlich aus einer natürlichen Schicksalsgemeinschaft eine politische Massenbewegung wurde. Unsere Demokratie hat versagt, und es ist wichtig, daß wir uns über diese Tatsache ganz klar werden, um, Schon reichlich spät, den Versuch zu machen, wenigstens einige Fehler zu korrigieren.

Es besteht ein Unterschied zwischen jener Demokratie, die sich am Ende einer liberalen Ära gewissermaßen als die adäquate Regierungsform von selbst ergibt, und einer Demokratie wie der unseren, deren Aufgabe es ist, die Folgen einer totalitären Epoche zu beseitigen. Die eigentliche Aufgabe der Demokratie in Deutschland wäre es gewesen, die Masse zu re-individualiweren und die Abseitsstehenden mit zur Verantwortung und zu einer wirklichen Selbstverwaltung heranzuziehen. Man hat sich aber offenbar gar nicht die Mühe gemacht, über die eigentliche Situation nachzudenken, sondern man hat sich einfach zurückerinnert an das abstrakte Schema von gestern und hat Weimar restauriert. Und dann war man ärgerlich, als sich herausstellte, daß die Parteien abseits ihrer spärlichen Mitglieder keinerlei Wirkung hatten ...