Seit Jahren wurden die Getreidepreise in Deutschland mit Hilfe erheblicher Steuermittel unter dem Weltmarkt-Preisniveau gehalten. Der Getreidebau wurde also zugunsten der Konsumenten künstlich unrentabel gemacht. Die Folge davon ist, daß die Anbaufläche in den Westzonen, verglichen mit der Vorkriegszeit, um 22 v. H. zurückging, während die Grünlandfläche entsprechend zunahm, so daß der Bedarf an Importgetreide ständig wuchs, während gleichzeitig eine Überproduktion an Milch entstand. – Man war sich seit langem darin einig, daß die ungerechtfertigte Subventionswirtschaft am 1. Juli beendet werden sollte, zumal der Finanzminister keine weiteren Steuermittel zur Verfügung hatte. Eine Brotpreiserhöhung, die die gefürchtete Lohnspirale in Gang zu setzen drohte, schien also unvermeidlich. Zur allgemeinen Beruhigung erklärte daher der Bundeskanzler, er werde es nicht zulassen, daß der Brotpreis steige, ohne allerdings zu verraten, wie er dies zu bewerkstelligen gedachte. Auch am 1. Juli hatte man noch keine Lösung gefunden. Subventionsmittel gab es nicht mehr, die Bundesvorratsstelle begann die Tonne Weizen, wie vorgesehen, zum Preise von 320 DM und nicht mehr zu dem künstlich verbilligten Preis von 260 DM zu verkaufen, und die Bäcker, nicht faul, ließen den Brotpreis entsprechend steigen, Daraufhin befahl die Regierung den Bäckern, jegliche Preissteigerung zu unterlassen, da sie die derzeitigen Bestände ja noch zu dem niedrigen Preis eingekauft hätten. Wer aber soll wohl die Durchführung dieses Befehls bei 53 000 Bäckern kontrollieren? Die Länder weigern sich, und es darf daher nicht wundernehmen, daß die Hausfrauen bereits 6 bis 9 Pfennig pro Kilo Weizenbrot mehr bezahlen müssen.

Um diesen gewissermaßen gesetzlosen Zustand zu beseitigen, wurde der Bundestag einberufen, der mit überwiegender Mehrheit beschloß, die Subventionen doch fortzusetzen. Nach Artikel 112 und 113 des Grundgesetzes bedarf aber der Beschluß des Bundestages, neuerliche Steuermittel für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen, der Zustimmung der Regierung, die ihrerseits jede weitere Subventionierung kategorisch ablehnte. Die Gewerkschaften drohen bereits mit Streik. Was also soll geschehen?

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß man vor 1939 beim Bäcker für 100 Pfund Roggen 100 Pfund Schwarzbrot bekam, während man heute nur 65 Pfund erhält, so müßte man eigentlich zu dem Schluß kommen, daß die Gewinnspannen der Bäcker und ihrer Vorlieferanten noch so groß sind, daß der Getreidepreis ruhig erhöht werden kann, ohne daß der Brotpreis entsprechend steigen muß. Und wenn man ferner bedenkt, daß im Verlauf des abgeschlossenen Wirtschaftsjahres der Lebenshaltungsindex um 17 Punkte gefallen ist, erscheinen die Befürchtungen über eine unkontrollierbare Steigerung der Kostenfaktoren vielleicht doch etwas übertrieben. H. O.