München‚ im Juli

Noch einmal von vorn anzufangen und jetzt aber alles richtig zu machen, ist ein altes Traumbegehren des Menschen. Der Schotte James M. Barrie hat ein heiteres Stück geschrieben, in welchem diesem Begehren Erfüllung wird. Freilich denkt er selber ziemlich skeptisch darüber. Es geht aus dem Titel seines Spieles hervor, das eigentlich Dear Brutus heißt. "Der Fehler, lieber Brutus", lautet nämlich ein Zitat aus Shakespeare darin, "liegt nicht in den Sternen, nein, in uns selbst, weil wir so übel sind."

Daß Barries moralisches Märchen, eines der meistgespielten Stücke in England, jetzt erst zu uns gelangte, hängt übrigens auch mit alten Versäumnissen zusammen. Nach dem ersten Weltkrieg verbot der Dichter die Aufführung seiner Stücke in Deutschland. Dem Bayrischen Staatstheater ist es endlich gelungen, bei seinen Erben (er starb 1937) die Aufhebung dieses Bannes zu erwirken. Sein Stück aber könnte in der jüngsten Gegenwart geschrieben sein, die sich mit so bezeichnend vielen dramatischen Versuchen in die Reiche der Toten, des Traumes, der Zukunft und der Wiederkehr wendet.

Johannisnacht heißt es nun, und wenn sie anhebt, sind wir auf dem Landsitz eines gewissen Herrn Lob mit Leuten zusammen, die es fast alle mit ihrem Dasein verfehlt haben. Lob selber ist davon ausgenommen. Er ist noch von sehr viel mehr ausgenommen, von der Vergänglichkeit beispielsweise; denn Matey, sein diebischer Buttler, weiß zu erzählen, daß er vor siebzig Jahren schon nicht anders ausgesehen habe als eben jetzt. Das glauben wir ohne weiteres, wenn er nun hereinweht. Ein Kobold nämlich hüpft herein, ein kahles Männchen ohne Gewicht und Knochen, halb Kind, halb Greis. Mit seinen Gästen hat er es übel vor; er will sie durchaus in den Wald hinaus eskamotieren, der in der Johannisnacht geheimnisvoller- und verderblicherweise sein Haus umwuchert und aus dem es eigentlich keine Wiederkehr gibt. Diesmal ist sie ihnen nur beschieden, weil sie auf dem richtigen Wege hineinwandern. Sie fürchten sich dabei nicht besonders, obwohl die meisten allen Grund dazu hätten, denn nun soll es ja noch einmal von vorn mit ihnen angehen. Was aber tut Herr Purdie zum Beispiel? Er jagt Schürzen dortselbst sie zuvor, mit hanebüchenen Phrasen aus dem Briefsteller für Liebende, nur daß es diesmal der eben noch betrogenen eigenen Frau gilt, denn er ist vom Zauberwald um sein Gedächtnis gebracht. Das ist sehr lustig mitanzusehen, denn Bernhard Wicki, aus Zürich zu uns gekommen, weiß der Schürzenjagd auf unwiderstehlich alberne Weise obzuliegen. Schlimmer ergeht es einer hochnäsigen Lady Laney, die sich, obwohl keine Titania, doch gründlich in einen Esel vergafft, den stärksten aller Männer, den diebischen Buttler Matey. Und dann sind wir auf einmal nicht nur in einem Zauberwald, sondern in einer Dichtung. Der verkommene Maler Dearth hat da eine Tochter. In Wirklichkeit hat er keine, obwohl es ja hätte sein können oder sein sollen. Aber jetzt erfreut er sich ihrer, eines holdselig liebevollen Wesens. Sie wird es einmal, als einzige von allen, ganz gewiß nicht falsch machen, davon sind wir überzeugt. Aber dem unglückseligen Vater ist die allerbitterste Erfahrung beschieden: in der Frühe muß er innewerden, daß die Tochter aus dem Stoff der Träume war. Elfriede Kuzmany hat sich mit der rührend lieblichen Verkörperung dieser poetischen Gestalt aufs neue die Herzen der Münchner gewonnen.

Auch Lobs andere Gäste gelangen, aus seinem Walde hervorgetaucht, zu allerhand Einsichten; aber mit der Dichtung ist es dann leidet vorbei, denn nun verkneift sich der Autor die Moral von der Geschichte nicht; und hat er uns zuvor tief erheitert und sogar ergriffen, so gibt er uns zum Schluß noch ein paar etwas abgestandene Süßigkeiten mit nach Hause. Aber zum Glück zeigt sich auch Herr Lob noch einmal, der uralte, ein bißchen niederträchtig gewordene Puck dieses Sommernachtstraumes. Während Dearth es noch einmal mit seiner Frau versuchen wird, diesmal auf Erden und nicht im Zauberwald, begießt er seine Blumen dort, wo eben noch das Dickicht gewuchert, er ganz allein geblieben, boshaft grinsend, allerbester Laune. Hernach tritt er in der Schar seiner oftmals gerufenen und dankbar gefeierten Darsteller vor die Rampe, Bruno Hübner, der außerordentliche Mime, dem neben der Gestaltung dieses unheimlichen Trolls eine der geschlossensten Inszenierungen des Theaters am Brunnenhof überhaupt zu verdanken ist.

Paul Alverdes