Hans Grimm hat in Deutschland von früher her bei einer an Zahl beträchtlichen Leserschaft Autorität und williges Gehör. Er verdankt dies unoffizielle, mit einer gewissen Verschwiegenheit überlieferte Ansehen weder dem (immerhin nicht geringen) dichterischen Rang seiner Erzählungen noch der Schlagkraft seiner publizistischen Äußerungen, sondern dem Umstand, daß seine Erzählungen wie seine politischen Proklamationen Stimmungen zu Worte brachten, die sich sonst unter der Oberfläche hätten halten müssen. "Volk ohne Raum", sein meistaufgelegtes Buch, sprach alle an, die der Verlust der deutschen Besitzungen in Afrika schmerzte, und wurde von ihnen als eine Art kolonialpolitischen Manifestes in hohen Ehren gehalten. Daß es auf Anregung des liberalen englischen Parlamentariers Ponsonby entstanden war, daß Grimm bei allem, was er veröffentlichte, die Verständigung zwischen dem britischen Empire und Deutschland im Sinne hatte, daß deswegen viele Kolonisten in Südwestafrika von ihm als einem Anglophilen abrückten – das fiel bei seinen deutschen Lesern kaum ins Gewicht. Sie lasen seine Werke als Rechtfertigungsschriften für Deutschland und Anklageschriften gegen Versailles. Sie freuten sich, daß dieser Autor den kernigen, biederen, unangekränkelten Idealtyp des Deutschen als Realität darstellte, und ließen sich von ihm abhärten gegen alle demokratische Kritik an der bismarckisch-wilhelminischen Vergangenheit. So hell klang ihnen die Unterscheidung im Ohr, die Grimm zwischen den "deutschen" und den "undeutschen" Deutschen machte, das heißt zwischen den wackeren, bodenverbundenen, arbeitsamen und den großstädtisch nivellierten, für Demagogie anfälligen und intellektualistisch zersetzten. Die nationalsozialistische Demagogie konnte leichter operieren, weil Grimm ihr mit dieser Unterscheidung ganz unwillentlich, aber auch ganz unbedacht vorgearbeitet hatte.

In diesen Tagen nun hat Hans Grimm, nach langem, nicht freiwilligem Schweigen, abermals das Wort genommen zu der Situation Deutschlands in der Welt und in einer 232 Seiten starken Broschüre, die er selbst Die Erzbischofsschrift nennt, sein politisches Testament in der Form einer sehr detaillierten Antwort eines Deutschen auf eine Rundfunkbotschaft des damaligen Erzbischofs von Canterbury vom 29. November 1945 zur Diskussion gestellt (im Plesse-Verlag, Göttingen, DM 5,90). Die Diskussion ist entbrannt, an den Universitäten vor allem, und es haben sich alsbald zwei sehr scharf geschiedene Lager gebildet. Dem einen scheint Grimm aus der Seele zu sprechen, das andere erkennt ihm die Autorität als Wortführer für deutsche Interessen brüsk ab.

Man könnte danach meinen, Grimm habe eine militante Kampfschrift verfassen wollen, einen Aufruf zum Widerstand gegen die Deutschlandpolitik der Besatzungsmächte. Aber so grob liegt der Fall nicht. Grimm wirbt auch in dieser Altersschrift für die Verständigung zwischen England und Deutschland, ja für die Einheit Europas und die Zurückstellung aller "staatsnationalistischen" Sonderwünsche. Nur daß er dabei Wege geht, die ihn und seine Leser schon früher ins Gestrüpp der nationalistischen Sentiments geführt haben, und daß er Argumente ersinnt, die von denen Remers nur mit dem Elektronenmikroskop zu unterscheiden wären.

Als Voraussetzung für eine gedeihliche Zusammenarbeit der beiden nach seiner Ansicht für Europa allein maßgeblichen Völker, des englischen und des deutschen, sieht Grimm nämlich – im Gegensatz zum Erzbischof von Canterbury – die Re-education des englischen Volkes an. Die meisten Engländer, so versichert er, machen sich seit über fünfzig Jahren so falsche Begriffe von den Deutschen und verstehen so wenig die Motive, die gerade die "deutschen Deutschen" bewegen, daß sie sowohl 1914 wie 1939 mit der Parteinahme gegen Deutschland Fehlentscheidungen vollzogen haben. Es wird also – nach Grimm – höchste Zeit, daß sie umlernen und sich die Ansichten der bisher nur kleinen Minorität "englischer Engländer" zu eigen machen, die (wie zum Beispiel Oswald Mosley) mehr Verständnis für Deutschland bewiesen haben.

Angesichts der Ereignisse seit 1933 ist das eine (gelinde gesagt) ungewohnte Perspektive. Grimm versucht sie aber dadurch besser einleuchten zu lassen, daß er eine Unterscheidung aufstellt zwischen dem "frühen, jungen und echten Nationalsozialismus" und dem "späteren entarteten Hitlerismus". Von sich persönlich sagt er, ihn habe am "entstehenden Nationalsozialismus mancherlei angezogen", vor allem "der unbedingte Wille zur Volksgemeinschaft"; dagegen sei er "von Anfang an von dem erkorenen Führer und Richtungsweiser und von dessen, wie mir schien, verbildetem österreichischem Wesen abgestoßen" worden. Und die Katastrophe sei von dem Augenblick an unvermeidbar gewesen, als "die Führer des Nationalsozialismus bei dem Versuche, rascher politische Wirksamkeit zu gewinnen, sich auf die Massen zu stützen begannen."

Hitler contra Nationalsozialismus – diese Konstruktion ist in England wohl wirklich nicht geläufig. Sie hätte aber, sagt Hans Grimm, längst geläufig sein müssen. Die "heimgebliebeden Briten" verdienen Tadel, weil sie sich in den Jahren vor 1945 "nie um die Unterscheidung des Nationalsozialismus vom Hitlerismus gekümmert haben." Die Folge dieser Unterlassung sei gewesen, daß "der ungeformte Mann Hitler im Kampfe gegen die Masse selbst der Masse und persönlichem demagogischem Irrsinn verfiel".

So kurios spiegelt sich der "Aufstand der Massen" in dem stets wohlmeinende! Gemüt Hans Grimms, das zwischen dem Wahn, der Nationalsozialismus hätte ein Aufstand der Elite werden können, und der Erkenntnis, daß er faktisch eine Pöbelherrschaft war, keines anderen Ausweg findet als den, Hitler zum beklagenswerten Opfer der Massen zu stempeln. (Aus dem "verbildeten Österreicher" von Seite 35 der "Erzbischofsschrift" wird auf Seite 206 gar der "zunehmend verzweifelte Oberösterreicher’ – eine Beförderung, die die Wirrnis des ganzen Gedankengebildes vollends der Lächerlichkeit aussetzt.)