Vierundneunzig ist keine runde Zahl. Aber jenseits der biblischen Altersschwelle und auf dem Wege zu Methusalem darf jedes Jahr, das in Gesundheit verbracht ist, als Markstein gelten. G. B. S., der Senior der Senioren, wird am 26. Juli eine solche Marke überschritten haben, und er denkt nicht daran, sich die Ruhe des Greisenalters zu gönnen. Im Gegenteil, er wirft nach wie vor sein Wort quer in den Strom der Meinungen und ärgert alle, die auf festem Kurse zu fahren glauben, durch seine Paradoxe. Das war wohl von je seine Sendung: als ein wiedergeborener Sokrates zwischen die geronnenen Überzeugungen zu fahren, durch verschmitztes Fragen die Sicheren aufzustören, alle angepriesenen Patentlösungen so beharrlich um und um zu krempeln, bis das Problem sich klar darstellt und die Arbeit anfangen kann. Zwar einen Marktplatz, auf dem, wie in Athen, alle Bürger täglich zusammenkommen, gibt es in unserer Zivilisation nicht mehr, und selbst der Journalist erreicht kaum je die Beunruhigung, die nötig ist, um die Geister vor Starrsinn zu bewahren. Das erkannte G. B. S., als er vierzig Jahre alt war und wählte einen dauerhafteren Standort, als es Marktplatz und Presse sein können: das Theater. Er wurde der Wiederentdecker einer verlorenen Kunstform: der Komödie. In der gedrängten Schmucklosigkeit der Umgangssprache, ganz ohne poetisches Beiwerk, entwarf er Handlungen als Gleichnisse für die verdeckten Fragen, die der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Schutt der einander überlagernden – Meinungen erst wieder ausgraben mußte, um sich selbst als Beweger und Verantwortlichen seiner Geschichte zu erkennen. Der neue Sokrates trat in der Gestalt eines neuen Aristophanes vor seine Zeit und wandelte sie um.

Die leisen Revolutionen sind dauerhafter als die lauten. Shaws Wirkung war nicht vulkanisch, sondern ist eher der Erosion zu vergleichen, die das Gestein abschleift. So kommt es, daß man sich im Abendland nur selten besinnt, wie vieles durch Shaws Lebenswerk selbstverständlich geworden ist, was vordem unmöglich schien. Ein Sozialismus, der statt der Zustände den Menschen im Auge hat und nicht das Glück zu vermehren, sondern die schöpferische Potenz (gleichsam das Lebenspotential) zu steigern unternimmt, war um 1900 eine Absurdität. Er ist auch heute nirgendwo realisiert (am wenigsten in dem Lande, zu dessen Labour-Sozialismus Shaw selbst als praktischer Politiker, als Mitgründer der "Fabian Society" den Grund gelegt hat). Aber wer heute dem sowjetischen Pseudosozialismus ein Gegenbild vorhalten will, das sich nicht in der Verblendung des bürgerlichen Liberalismus verfängt, der kann es nur aus Elementen entwerfen, die in Shaws Komödien längst Gestalt geworden waren, ehe die scharfe Überprüfung der marxistischen Positionen auf der ganzen Linie begann.

Es ist zu vermuten, daß G. B. S. das Grimmsche Märchen vom Swinegel und dem Hasen nicht kennt. Er hätte es sonst sicherlich schon einmal auf seine Rolle in der Geschichte unseres Jahrhunderts bezogen. Sozialismus der Freiheit – lange vor der Oktoberrevolution im Gleichnis von "Major Barbara" und "Pygmalion" beschrieben. Vorrang der Menschenrechte vor der Institution – bereits in "Kapitän Brassbounds Bekehrung", in "Mensch und Übermensch", in "Zurück zu Methusalem" mit dichterischer Energie geltend gemacht. Funktion und Tragik des ungewöhnlichen, des "großen" Menschen – Thema mit Variationen von "Cäsar und Kleopatra" über die "Heilige Johanna" bis zum "Kaiser von Amerika".

George Bernard Shaw ist in der Mitte des vorigen Jahrhunderts geboren, im Jahr nach dem Krimkrieg, wenige Monate später nur als Oscar Wilde (der vor fünfzig Jahren starb). An seinem Optimismus ist er als Kind des fortschrittlichen Säkulums zu erkennen. Die mancherlei Utopien, die er zeichnete, sind allesamt von der Art derer, die Sokrates in Platons "Staat" entwirft: Zustandsbilder, die die besten Möglichkeiten des Menschen zu Ende denken. Er sieht sich durch keine Wirklichkeit – auch nicht durch die der totalitären Systeme – widerlegt. Die Utopien, die nach ihm gekommen sind (Huxleys "Wackere neue Welt" oder Orwells "1984"), orientieren sich am Totalitarismus und konstruieren ihn in Gedanken zu Ende. In ihnen herrscht, wie in jenen Systemen selbst, der Unglaube an die irdische Existenz der Menschheit, und dieser Unglaube ist inzwischen fast ein Dogma geworden. So kommt es, daß G. B. S. noch in seinen ganz alten Tagen wieder als Ketzer dasteht. C. E. L.