Stalin und der "Fall von Berlin"

K. W. Berlin,im Juli

In zwei programmfüllenden Teilen brachte der Sowjet-Export in Ostberliner Kinos und in die Filmtheater der Sowjetzone seinen Dokumentarfilm "Der Fall von Berlin". Dergleichen "Dokumentarfilme" sind aus der Sowjetunion in den letzten Jahren häufig nach Ostdeutschland gebracht worden: Über Stalingrad der eine, über andere Kriegsetappen ein anderer. Dieser, "Der Fall von Berlin", sollte gewiß die politische, propagandistische, aber wohl auch die künstlerische Summe der vorangegangen werden. So begrüßte ihn auch das "Neue Deutschland", das Zentralorgan der SED, mit der Feder eines Mannes, dem wägendes Urteil in den ersten Jahren nach dem Kriege eigen schien: "Bisher war vielfach die Meinung verbreitet, der sowjetische Film habe vor etwa fünfundzwanzig Jahren mit Eisensteins und Pudowkins weltberühmten Leistungen einen Gipfelpunkt erreicht, dem er so bald nicht wieder nahekommen werde. Der Fall von Berlin‘ lehrt, daß diese Annahme vorwitzig war. Panzerkreuzer Potemkin und ‚Sturm über Asien‘ ragen durchaus nicht mehr einsam, der gültigen filmischen Gestaltung des Revolutionserlebnisses ist nun das überragende und beispielhafte Filmdokument des vaterländischen Krieges, die gültige filmische Formung des Kriegserlebnisses gefolgt."

Nun: es läßt sich kein absurderer Vergleich lenken als der mit Eisensteins und Pudowkins avantgardistischer Kunst. Tschiaureli heißt der Regisseur des "Falls von Berlin", und es ist wahrlich nicht nur die Farbe und der Tonfilm, der sein Opus abgrundtief von den Stummfilmwerken der Russen jener zwanziger Jahre trennt. Tschiaureli nämlich ist kein Revolutionär. Er ist ein Hofmaler. Einer, der mit dem willfährigen Pinsel des Parteizöglings alles, was war in den Jahren zwischen 1941 und 1945, ins milde Licht der Kreml-Propaganda von heute taucht. Man sehe sich die Fabel an: der tüchtige aktivistische Schlosser geht mit seiner Liebsten Natascha durch das wogende östliche Korn, als die hitlerische Kriegsfurie über Rußland hereinfällt und die Sowjetunion mobilisiert. Von da an blendet der Film immer wieder in den Kreml und auf die Schlachtfelder zurück, hält bei der Konferenz von Jalta und schaltet von dort aus die ganze außersowjetische Welt völlig aus dem Siegeszug der Berlin, Deutschland und den Frieden erzwingenden Sowjetunion aus. Dabei werden die heutigen politischen Positionen auf die damaligen Verhältnisse fälschlich zurückprojiziert, so daß die westlichen Mächte schon in Kreml-Gesprächen und auf Jalta und noch mehr bei der Eroberung Berlins mit schweren Seitenhieben bedacht werden. Die Schlußphasen des Films bieten dann Szenen in Hitlers Bunker mit Hitler, Goebbels, Göring, Eva Braun; dies aber in so plumper Wachsfigurenmanier, daß stellenweise das Gelächter im Zuschauerraum statt der erwünschten Einsicht regiert. Am Ende, nach sehr turbulenten Kampfszenen in Berlin, die im vorigen Jahre zum Teil in Berlin neu gedreht worden waren, mündet das unglückliche Ende von Berlin in ein in grelle, laute Farben getauchtes happy end, bei dem getanzt, gesungen, gejubelt wird und selbstverständlich nirgendwo die menschliche Tragödie aufschimmert, die mit den sowjetischen Soldaten über Berlin gekommen war. Dafür aber erscheint, völlig unhistorisch, viermotorig, Stalin in weißer Friedensrobe, lächelnd, milde, weise wie der Friedensengel, fügt – Gott gleich – getrenntes wieder zusammen und läßt sich von Franzosen, Amerikanern, Engländern als der große Friedensbringer huldigen. Der Reiz dieses Films mag darin liegen, daß in ihm alle politischen Figuren des zweiten Weltkrieges auftreten. Alle haben sie in diesem Film ihre politischen Plakate zu tragen, nur er, Stalin, ist unfehlbar, niemals heftig, niemals laut, immer leise, verhalten, müde, gütig, nichts als der ewige Friedensbringer, der Friedensfürst der Welt!

Eine Historienmalerei kleinlichster Sorte ist "Der Fall von Berlin" und eine Geschichtsklitterung ohnegleichen. Daß der Film in der Sowjetunion Tausende von Lehrzirkeln ersetzt, ist sicher – daß er aber in Deutschland seine Wirkung verfehlen muß, liegt auf der Hand, ein starkes Stück aber ist es, daß die sowjetgelenkte Kritik es fertig bringt, diese künstlerisch überhaupt nicht zu wertende Szenenfolge auch nur mit den Namen Eisensteins und Pudowkins in Verbindung zu bringen.