Im Anfang war das Märchen. Es wird dort immer sein", sagt Paul Valéry, und Novalis wußte es lange: "Die Fabellehre enthält die Geschichte der urbildlichen Welt, sie begreift Vorzeit, Gegenwart und Zukunft."

Ähnlich wie Wilhelm Grimm die prähistorischen Berichte, als welche sich unsere Märchen ausweisen, zu einem Familienbuche glättete, schnitt Lady Guest gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in ihrer Übersetzung des keltischen Sagenbuches Mabinogion das Elementare weg, das es erst zu einer bedeutenden Urkunde macht. Jetzt haben zwei wallisische Gelehrte die alten Texte neu und ganz übersetzt und in der Londoner Everyman’s Library zugänglich gemacht.

Das keltische Mabinogion leitet sich von mab ‚Jugend‘ her und bedeutet zunächst junger Mensch‘, dann seine Geschichte, dann Geschichte eines Helden, schließlich Geschichte, Erzählung überhaupt. Die Sammlung besteht aus vier Teilen oder "Zweigen", unabhängigen Erzählungen und drei Romanzen. Zum Erschrecken kommt das Urtümliche heraus wie heiße Quelle aus chaotischem Gestein. An Polyphem erinnert der riesige Yspaddaden Penkawr, über desser Augen so schwere Brauen hängen, daß man sie mit Gabeln aufstützen muß, wenn er sehen will. Aber es gibt hier auch eine Olwen, unter deren Schritten weißer Klee keimt, und den magischen Gesang der Vögel der Todesgöttin Rhiannon. Denn Unter- und Oberwelt verlangen nach einander. Die Toten sind weise. Mythische Verwandlung spielt, das Schwere wird leicht durch schaffende Einbildungskraft. "Dichter und Priester waren im Anfang eins, und! nur spätere Zelter, haben sie getrennt." Heerscharen verwandelt ein reisiger Bischof in Mäuse, die dem Gegner das Korn rauben; zuletzt schickt er die eigene Frau in Mäusetracht aus; ihre Schwangerschaft hindert sie im Lauf, und sie wird gefangen. Altbeständige Märchenzüge tauchen auf, aber um holde Einzelheiten bereichert: Ameisen helfen, zerstreute Hirse einzusammeln, ein Korn fehlt, eine lahme Ameise bringt auch das. Der Wirklichkeit wird ihr Zauber zurückerstattet. Aber als ob das Schöne immer nur eine bestimmte Zeit dauern dürfe, mischt sich Phantastik ein. Unmäßigkeit des Geschehens, der Figuranten macht sich breit. Derjenige, der längst mündlich Gehegtes und Weitergegebenes jetzt fixiert, möchte der Rauhheit und Rohheit der Vorgänge bei wachsender Verfeinerung seiner Hörer oder Leser spotten, hilft ihr durch Übertreibung ab und verzerrt Unheimliches zur Groteske.

Der Zeit ihrer Aufzeichnung entsprechend, leuchtet auch die heidnischsten Stoffe schon etwas von Seelenglanz des Christentums an. Immer aber verharrt ein Rest so heidnisch, wie bei den alten Iren der rechte Arm des Sohnes, den man bei der Taufe unbenetzt ließ, damit er unfromm und desto kampftüchtiger bliebe. Ein weltgeschichtlicher Ruck geschieht uns, wenn den miteingebündelten vier Romanzen das anglonormannische Rittertum, der Stil der höfischen Gesellschaft vollends Phantasie und Form diktiert. Mit rührender Gewaltsamkeit werden alle Abenteuer und alle Kämpfe in den Dienst des Christentums gezwungen. Elektrisch bestrahlt es jetzt die Burgen, die Gräben, Zugbrücken, Gärten, Ritter und Prinzessinnen, Pferde, Höfe und Zeremonien. Parzival ist zwar noch Peredur, sein rechter Arm gleichsam noch Schwanenflügel; er trägt noch Züge des Jungen, der auszieht, das Gruseln zu lernen. Der Ritter ohne Furcht und Tadel ist noch nicht ganz ausgeschlüpft, aber aus dem historischen Grenzkämpfer bildete sich im Lauf der Jahrhunderte König Arthur, aus den Helfershelfern des Märchens seine Tafelrunde. Die alten Erzählungen waren lokaler, genauer; jetzt formen sich Typen, feste Ideal Visionen: ein Ritter ist wie der andere, ein Turnier gleicht dem anderen, die Bäume wachsen in gleicher Höhe, Fontänen rauschen, Löwen wachen, Schlangen werden georgisch getötet. Was eines Tages konventionell erstarren sollte, erfrischt sich, und gotische Schlösser wachsen wie Lilien in den Himmel, wenn wir in den zauberischen Landschaften der Stundenbücher verweilen, wie sie die drei Brüder von Limburg um 1400 am Hofe des Herzogs von Berry malten. Wilhelm Lehmann