Gäste der deutsch französischen Kulturwoche in Stuttgart, der Ruhrfestspiele in Recktinghausen und Mitglieder des Hamburger Filmklubs hatten jetzt Gelegenheit, den mehr ah zehn Jahre alten Film Marcel Pagnols "Des anderen Weib" (La femme du boulanger) zu sehen, der zu den menfchlich schönsten und künstlerischsten Filmen gehört.

Ich weiß, daß du ;La femme d boulanger niemals schreiben wirst, weil du lieber Boule spielst und Pa stis trinkst. Faulheit, Nichtstuerei, Stumpfsinn. Und selbst wenn du das Drehbuch schriebest, so würde ich den Film nicht spielen, weil er das Produkt eines Boulespielers und Aperitifsäufer; wäre", schrieb Raimu auf einem Zettel an Marcel Pagnol, die besonders beleidigenden Worte immer doppelt unterstrichen. Und während die Freunde und Bekannten noch einen Plan ausheckten, die beiden Kampfhähnc wieder zu versöhnen, aß Raimu sdion wieder bei Pagnol zu Mittag.

Zwanzig Jahre lang hielten die beiden es so, uid diese ? wanzig jährige Freundschaft mit dem (tun vor drei Jahren verstorbenen) Schauspieler Baimu ist eines der bestimmenden Elemente im Leben und Schaffen Pagnols gewesen. Von jenem Inbe er, wie der Dichter selbst es in seinem Nachruf beim Tode des Freundes bekannte, den g ößten Teil dessen gelernt, was er vom Theater vjrstehe. Raimu: das war warme, massive Menschlichkeit, das war Licht und Schatten zugeich, ein Schurke mit dem goldenen Herzen öler die arme, hilflose, bemitleidenswerte Kreatur, das war Tartuffe wie Tartarin, der "fingebildete Kranke" wie Cesar in der ManusJrilogie von Marcel Pagnol. Raimu: das war geick iam die ganze menschliche Tragikomödie, verkörpert in einer Person. Für Raimu hat Pagnol die meisten und die besten seiner Stücke md Filme geschrieben, und Raimu trug den Eichterruhm seines südfranzösischen Landsmanns (und Zechkumpanen!) hinaus in die Welt. Marcel Pagnol, am 28. Februar 1895 in dem kleinen Städtchen Aubagne bei Marseille geboren, gehört in die Reibe der drei großen provenzaliichen Dichter, die über das Regionale hinaus ins Weltgültige wuchsen: FredeVi Mistral, Marcel Pagnol, Jean Giono. Und die Begegnung mit j:an Giono, dem nur vier Wochen jüngeren Lichter, hat zu der zweiten großen Freundschaft geführt, die Pagnols Schaffen entscheidende Züge aifgeprägt hat. Nach Gionos Roman Regain (Zweite Ernte) hat Pagnol 1936 seinen vielleicht Mhönsten Film gedreht: mit Fernandel als wanderndem Scherenschleifer Gedemus, mit JVarguerite Moreno als der alten Mameche, mit Raimu als dem faunischen Riesen Panturle und mit der innig beseelten, jetzt vergessenen Orane Demazis als Arsule. Hier gewann — wohl zum erstenmal auf der Leinwand — das Leben der Siidfranzosen bildhafte Gestalt: wirklich kein Blut und Boden Film, sondern die dichterische Vision bukolischer Erde, aus der sich heraus das Schicksal der Menschen erfüllt und über der Pans Liehen und Lieder erkliagen. Auch "Des anderen "Veib" (La jemmc du boulanger, 1939) ist nach einer Novelle Gionos entstanden, wieder mit einer Prachtrolle für Raimu: dem gehörnten Bäckermeister Aimable, der so bezaubert war von dar Schönheit seiner jungen Frau, so hilflos in seinem Unglück und so groß und menschlich wieder, als er ihr verzieh.

Nach dem Erfolg seiner Bühnenstücke MarcLimh de gloire (Schieber des Ruhms), Jazz, Topaze und der großen Marseiller Trilogie Marius, Fanny und Cesar (vor allem das erste und dritte Stück daraus sind als "Zum goldenen Anker" und "Südfrüchte" auch auf der deutschen ßükne bekannt) ging Pagnol zum Film und inszenierte dort mit dn gleichen Darstellern diesen Zyklus. Der Film Toni folgte, Le Sdipountz, eine bissige Persiflage des Theaterbetriebs mit dem herrlich grotesken Fernandel, und "Die Tochter des Brunnenbauers" (La fille du puisatier, wieder mit Raimu und Fernande!), um nur einige der bekanntesten zu nennen. Als erster Vertreter des zur Kunstform gewordenen Films ist Marcel Pagnol, der ehemalige Volksschullehrer, vor einiger Zeit zum Mitglied der Academie Francaise gewählt.

Man hat seinen Filmen mitunter vorgeworfen, sie wären "photographiertes Marseiller Heimatschutz Theater. Gewiß, es sind theaterhafte Passagen und ausgedehnte Dialoge darin. In "Des anderen Weib" ist der Hauptdarsteller Raimu fast die ganzen 3400 Filmmeter hindurch ständig im Bild; das Ganze stellt sozusagen nur einen großen Monolog dar, zu dem die anderen die Stichworte bringen. Aber wie optisch ist doch das Widerspiel der Gedanken und Gefühle in diesen Gesichtern erfaßt, wie filmisch ist schon allein die Architektur des Bildaufbaus, wie filmrhythmisch sind die Einstellungen und Szenen doch immer montiert! Es ist einer der schönsten Filme, die je gedreht wurden.

Sein letzter Streifen hat Pagnol zum erstenmal in den deutschen Kulturkreis geführt. In diesem Farbfilm "Die schöne Müllerin" spielt der bekannte Tenor Tino Rossi die Rolle Franz Schuberts. Eines etwas kitschigen, recht sangesfreudigen Schubert zwar, der sich in eine Mühle verdingt, um der geliebten Müllerstochter nahe zu sein; doch der reiche Gutsbesitzer spannt ihm die Schöne aus. Wenn die Wolken im Mondschein ziehen, im gespenstigen Weben nächtlicher Schatten, akkompagniert von Schubertscb cn Weisen, ist hier doch zumindest vom Malerischen her eine effektvolle und zugleich stilechte Ausdeutung der musikalischen Romantik erfolgt. Es war beileibe nicht Pagnols bester Film, aber allein schon die Themenwahl läßt den jetzigen Deutschland Besuch des Dichters unter einem besonders interessanten Vorzeichen stehen. Ulrich Seelmann Eggeben