Von Hans Nowak

Nicht alles, was wir verloren haben, war auch schön, wenngleich die Erinnerung es am liebsten so haben möchte. Der graue Bau jedenfalls, darin die Kunstakademie zu Breslau ihren Sitz hatte, war ganz gewiß nicht von den Grazien erachtet worden. Wer aber eintrat, den Schreckensveg der in Pension geschickten Gipsmodelle im oberen Flur passierte und sich in einem der Meisterateliers ins Fenster legte, dem konnte, wenn er die Augen schweifen ließ, vor so viel Schönheit wohl das Herz stillstehen. Der Fluß, zum Strom verbreitert, rollte mit mächtig treibenden Wassern den Wehren zu, und über dem Spiegel stiegen aus Gärten und Wipfeln die Dächer und Türme und dunkelsingenden Glockenstühle der Inseln in die opalene Luft – Luft der feuchten Niederung, gesättigt mit blauen und silbernen Tinten.

In den angrenzenden Vierteln, wo ein alteinsässiges Bürgertum sein kleines Gewerbe trieb, sah nun die akademische Nachbarschaft von eh und je mit zwiespältigen Gefühlen. Die jungen Leute mit den verwegenen Schöpfen empfahlen sich als möblierte Herren, und meist waren es fröhliche und "soweit" anständige Menschen. Doch man hatte seine Erfahrungen; die Kramer starben nicht aus, und die Cramptons schon gar nicht. Mancher von den Älteren im Viertel hatte die eilenden Modelle noch gekannt. Es war wirklich so oder ähnlich gewesen, der Stückeschreiber Gerhart Hauptmann wußte Bescheid, denn schließlich hatte er selber ja dazugehört, als er in Breslau die Bildhauerei hatte lernen wollen. Es war schon eine unzuverlässige Sippschaft.

Auch im Hause an der Oder gab es Männer, die nicht viel anders dachten, tüchtige solide Könner, die ihr Handwerk verstanden und gewissenhaft an den Nachwuchs weitergaben. Daß sie das Neue, das von überall heraufkam, mit Reserve, öfter noch mit Mißtrauen ansahen, war ihr gutes Recht. Das Neue aber rückte seit 1900 immer drängender heran. Es kam mit dem Direktor Hans Poelzig, es kam mit seinem Nachfolger August Endell, und dieser sollte ihm durch die Berufung Oscar Molls die Bahn endgültig freimachen.

Es war im Winter 1918/19, als Endell ihn nach Breslau holte. Moll, ein Vierziger zu jener Zeit, schien seinen Beinamen "der Wilde" in seiner ganzen Person zu dementieren. Ein hochgewachsener Mann von ruhiger Eleganz, weltgewandt und weiterfahren, ein "Herr" (wie man so sagt) und insoweit ganz nach dem Herzen einer reputierlichen Stadt. Mit ihm, der eher wie ein Botschaftsrat als wie ein "Künstler" wirkte, der verbindlich lächelte, wenn man im privaten Kreis vor seinen Bildern stutzige Fragen stellte: mit Oscar Moll aus der Brieger Familie würde es keine Skandale geben. Die jungen Leute aus den Meisterklassen aber sahen zu, wie der Professor seine neuen Leinwände auspackte, und waren dessen nicht so sicher. Auch Moll selber war es nicht. Denn alles wird verziehen, die Zeit heilt noch die größte Lumperei; nur wenn die Kunst über die Linie tritt, die man eben mühsam erreicht hat: dann hört der Spaß auf. Moll aber wußte, daß es für ihn kein Stillestehn gab, das Abenteuer war noch nicht zu Ende.

Der Coup de foudre, der es eingeleitet hatte, hieß Paris – damals, im Paradiesesalter vor dem ersten Krieg. Was die Stadt des Lichts (und darum auch der Maler) in jenen guten Tagen an Entzückungen, Entdeckungen, Elan für ein empfindliches Auge bereithielt, darüber mag man in Rilkes Pariser Briefen nachlesen. Moll war kein Jüngling mehr, als dies Erlebnis ihm geschah. Die Lehrzeit bei Corinth und Ulrich Huebner, die ersten Erfolge, die erste frühe Meisterschaft lagen hinter ihm. Der Weg zu einem farbiger gestuften, finessereichen Impressionismus schien gegeben, und die Mittel gehorchten fügsam, flüssig, leicht. Zu leicht, schien es ihm manchmal. Es war ein Weg, es war noch nicht sein Weg.

Die Stadt war wie ein großes Studio. Moll sah Matisse und seine Leute, freundete sich an, blieb, ging, kam wieder. Hier wagte es sich leicht. Sie hatten die Farbe entdeckt und ließen sie frei. Man mußte sie nehmen und noch einmal beginnen. Und nun wußte er, was er seit Jahren gesucht hatte: das Mittel, mit dem der Gegenstand "Welt" neu zu bewältigen war.