In dem Sommer, als Herr Heitmann kam, wurde alles bei uns ganz anders. Zuerst änderte es sich zum Guten. Es fing an einem Tage an, als ich auf der Straße Kreisel spielte und meine Mutter mich nicht wie sonst um sechs Uhr rief. Sie trank mit Tante Lilly im Garten Kaffee. Als ich einmal vorbeikreiselte, sah ich, daß meine Mutter das Kleid anhatte, von dem sie sagte, daß es ihr am besten stünde. Ich fand es nicht so schön, weil sie wie ein Mädchen darin aussah.

Als Tante Lilly wegging, begleitete ich sie bis zur Ecke, weil da die Bude vom Eismann stand. Meine Tante war schon in die Straßenbahn eingestiegen und ich hatte fast die Hoffnung aufgegeben, da reichte sie mir von der Plattform herunter noch zehn Pfennig, und ich lief schnell zu Filippo und kaufte einmal "Erdbeer mit". Als ich das letzte Stück der Waffeltüte aufgegessen hatte, sah ich Theo, der mit einem neuen Harburg-Phönix-Ball spielte. Wir warfen ihn ein bißchen hin und her mit Aufhopsen auf den Briefkasten, denn zum Treten war er noch zu schade. Er war ganz blank wie roter Lack. Dann kam Theos Mutter an die Gartentür und rief ihn zum Abendbrot. Ich holte meinen Kreisel aus dem Schlüpferbein hervor und wickelte die Peitsche ab. Aber es hatte nicht mehr viel Sinn mit dem Kreiseln, weil der Bindfaden sich schon so abgewetzt hatte, und schließlich machte es mir auch keinen Spaß mehr draußen zu sein, weil keine Kinder mehr da waren. Ich ging also nach Hause, ohne gerufen worden zu sein. Das tat ich zum allererstenmal, und damit fing denn auch die ganze merkwürdige Zeit an.

Ich sah von meinem Fenster aus, daß meine Mutter noch Besuch hatte. Ihr gegenüber unter dem rot-weiß gestreiften Sonnenschirm saß Herr Heitmann, den ich noch nicht kannte. Auf zwei Schüsseln war noch Kuchen, und Rosa kam gerade mit einem Tablett aus dem Hause, um abzuräumen. Ich lief deshalb schnell hinunter, um sie abzufangen. Gerade als ich atemlos vor Rosa bremste, nahm sie die Kuchenschüsseln auf, und so kam es, daß sie ihr aus der Hand fielen und ich die Kirschtorte mit gespreizten Fingern aus dem Rasen ziehen mußte. "Ja, dies ist meine Tochter, Herr Heitmann", sagte meine Mutter und sah sich den Teil meiner Finger an, der aus der Schlagsahne herausguckte. Natürlich kann man nicht mit schneeweißen Fingern vom Kreiseln kommen. Herr Heitmann, der sehr steil im Korbsessel saß, besichtigte mich gründlich und sah dabei auch an meinem Kleid, daß ich Eis gegessen hatte. "Ich hoffe, du hast schön gespielt", sagte er.

Ich konnte mit Herrn Heitmanns Hoffnung gar nichts anfangen und griff mit der freien Hand in die Zuckerdose, die Rosa stehengelassen hatte. Als ich anfing, die Torte zu essen, schickte mich meine Mutter weg.

In meinem Zimmer fiel mir ein, daß ich von Onkel Friedrich ein Paket mit zweihundert alten Geschäftskarten bekommen hatte, auf denen sein Name und die Adresse gleich vorgedruckt waren, damit man sie nicht an andere Leute verschicken konnte, anstatt bei ihm Kaffee zu bestellen. Ich nahm ungefähr die Hälfte der Karten und füllte auf einigen die verschiedensten Pfunde Santos und Costarica aus. Wo die Briefmarke hingehörte, war ein Viereck, und ich malte kleine Männer und auch Blumen da hinein. Dann ging ich zum Briefkasten und beförderte die Überraschung für Qnkel Friedrich.

Als ich zu Rosa ins Küchenfenster stieg, sagte sie, ich sollte gleich dableiben und bei ihr mein Abendbrot essen. Meine Mutter würde mit unserem Gast im Garten bleiben. "Finden Sie den nett, Rosa?" fragte ich. "Bißchen ulkig wie alle Junggesellen", antwortete Rosa. Aber ich merkte gleich, sie hatte keine Lust, mehr zu sagen.

Meine Mutter hatte mir versprochen, wir würden Sonnabend zusammen an die Elbe fahren mit Eis und Baden, Brause und viel Kuchen. Ich hielt mich am Freitagabend wach, bis sie nach Hause kam, und fragte sie dann, um welche Zeit wir abfahren wollten. Sie sagte aber, morgen würde es nun doch nicht gehen, und als ich sehr drängte, sagte sie schließlich, sie hätte augenblicklich kein Geld. Ich gab das Fragen sofort auf, denn ich wußte schon einen Ausweg, und damit wollte ich sie am nächsten Mittag überraschen. Vor vierzehn Tagen war ich nämlich darüberzugekommen, wie Theos Mutter sich von meiner Mutter Geld geliehen hatte. Etwas von "mein Mann nicht wissen" war gesagt worden. Ich ging also zu Theos Haus hinüber und fragte seinen Vater, der mir öffnete, wo seine Frau wäre. Nein, ich könnte ihm nicht sagen, um was es sich handele, es sei ein Geheimnis und wegen Geld. Ich fand Theos Mutter in der Küche beim Plätten und sagte ihr, daß ich gern das Geld zurück haben möchte, das meine Mutter ihr geliehen hätte. Wir könnten Sonst nicht an die Elbe fahren. Sie ging sofort an den Küchenschrank, nahm aus der Dose "Nelken" fünfzig Mark heraus und gab sie mir. Ich lief nach Hause, um meine Mutter zu überraschen. Wenn ich mir etwas Schönes auf der Welt denken konnte, dann waren es Überraschungen. Dieses wurde nun eine doppelte: die zweite für mich. Wir fuhren nämlich nicht an die Elbe, meine Mutter brachte sofort den Fünfzigmarkschein zurück, und ich war den ganzen sonnigen Tag über in meinem Zimmer mit Rechenaufgaben beschäftigt.