E. G. London, Mitte Juli

Der britische Dollar-Drive hat vor ähnlichen kontinentalen Bemühungen einen erheblichen zeitlichen Vorsprung. Schon vor mehr als zwei Jahren hat man auf der Insel begonnen, den Dollarmarkt intensiv zu bearbeiten. Im Dollar Exports Board bemühen sich führende Wirtschaftler – einschließlich der Gewerkschaftler – um die Beratung der Kaufleute wie der amtlichen Stellen. Der Konsulardienst wurde ferner um eine Reihe von Handelssachverständigen verstärkt und darüber hinaus in "Schwerpunkten" wie Chikago und San Francisco oder New Orleans besondere amtliche Wirtschaftsberater eingesetzt. Von privater Seite ging man schon Ende 1948 daran, für den "kleineren" Exporteur und exportwilligen Industriellen eigene Handelskombinationen zu schaffen, die ihm nicht nur nach – dem viel zu sehr überlaufenen – New York, sondern auch nach den Zentren des mittleren Westens und der Westküste eigen-britischen oder doch gemischt britisch-amerikanischen Zugang verschaffen. Man hat auch die Erfahrungen der verschiedenen britischen Productivity Teams, die sich mehr mit den technischen Vorsprüngen der amerikanischen Wirtschaft Studienmäßig befassen, genützt: Standardisierung und Verpackung. Marktuntersuchungen für einzelne Firmen, häufig jetzt auch für gesamte Wirtschaftszweige, sind eine weitere "Neuerung", den Amerikanern abgeguckt. Und schließlich liegt in der gleichen Linie die Abwertung des Pfund Sterling um 30 v. H.

Alle diese Bemühungen, obwohl sie vielfach von britischer wie amerikanischer Seite als "noch nicht genügend" kritisiert werden, beginnen, ihre Erfolge in klingenden Dollars zu bringen. Zwar war es wohl berechtigt, wenn Schatzkanzler Cripps die erfreuliche Mitteilung über eine Vermehrung seiner Dollarreserve im 2. Vierteljahr 1950 um 438 auf 2422 Mill. $ mit einigen Warnungen über "einmalig günstige Umstände" begleitete. In der Tat ist die "echte" Erhöhung der Dollarreserve (neben 240 Mill. $ Marshall-Hilfe und 18 Mill $ Kanada-Kredit, die sozusagen eingespart wurden) um 180 Mill. $ teils auf die allgemeine Kauflust der USA für europäische Waren, teils auf britische Sondererfolge in Kanada und vor allem, zu einem ganz erheblichen Teil, auf die großen amerikanischen Rohstoffkäufe auf dem Sterlinggebiet zu ständig steigenden Preisen zurückzuführen. Gummi und Wolle sind die wichtigsten Beispiele, doch auch Metalle und viele andere Rohstoffe haben eine Sonderrolle gespielt. Schließlich ist ebenfalls in England allgemein beachtet worden, daß die Dollareinsparungen verschiedener Sterlingblockmitglieder freiwillig über das mit London abgesprochene Maß hinausgingen. Dennoch sollte man den rein englischen Teil an der Erhöhung der britischen Dollarreserven (die nunmehr etwa den Stand bei Kriegsende erreicht haben, jedoch nur ein Viertel der normalen Vorkriegsreserven ausmachen) nicht unterschätzen. Es ist. beachtlich, wenn im Mai 1950 erstmals (mit 57,7 Mill. $) der letzte Höchststand vom Juli 1948 (56 Mill. $) übertroffen wurde.

Dieser Erfolg – das ist für den Anschauungsunterricht auch wichtig – wurde mehr in Kanada als in den USA erreicht: Bisher ist, nach amtlichen Angaben, nur die Hälfte der durch die Abwertung entstandenen Erweiterung der Dollarlücke gegenüber den USA ausgeglichen worden. Mit Kanada jedoch wurde die "neue" Dollarlücke mehr als geschlossen. Mangel an US-Dollar, Blutsbande, Ottawa-Präferenz und der Zwang für Kanada, wesentliche Teile seiner Exporte (Weizen, Holz, Papier) nach Großbritannien verkaufen zu müssen, spielen bei der kanadischen, Bereitschaft mit, mehr aus England einzuführen.

Was kauft nun Kanada zusätzlich? Kraftwagen, Traktoren, Werkzeugmaschinen, andere Maschinen, NE-Metalle, Chemikalien und Medikamente – etwa in dieser Reihenfolge. Bei Kraftwagen handelt es sich vor allem um die Verdrängung der USA-Konkurrenz – ähnlich ist es bei Traktoren. In Maschinen wird seit zwei Jahren der kanadische Markt systematisch bearbeitet. Ebenso bemüht man sich, schon seit 1949, Kanadas Stahlsortenwünsche besser zu berücksichtigen, bei Planpriorität in Materialanforderungen für Dollarexporte im Heimatland.–Das alles sind Produktionsgüter. Fertigwaren dagegen lassen sich weniger gut nach Kanada verkaufen. In Wall- und Baumwollwaren ist die britische Ausfuhr dorthin im Vergleich zu 1949 sogar rückläufig.

Umgekehrt ist das britische Geschäft mit den USA viel stärker auf Konsumgüter gestellt. Spirituosen (Whisky) und Wollwaren (Tweeds) liegen vorn im Rennen, dicht gefolgt von nordirischem Leinen. Die Konjunktur für britische Kraftwagen in den USA ist abgeklungen. Die britischen Produzenten sind darob nicht traurig; der Markt ist infolge hoher Verkaufskosten und erheblicher "Service" Ansprüche nicht sehr rentabel. Bestecke aus Sheffield, Porzellan aus Cheshire und viele "Heimat"-Artikel sind im Kommen. Neuartiges geschickt angeboten, "zieht" – allerdings nur nach Markt- und Gepflogenheitsstudium, bei gefälliger "amerikanischer" Aufmachung und reichlichem "Nachschub".