Ein Nachwort zum internationalen Film-Festival in Locarno

E. W. E. Locarno, im Juli

Der Auftakt der zahlreichen internationalen Filmfestspiele begann in diesen Tagen in Locarno. Knokke le Zoute (Belgien), Marienbad (Tschechoslowakei), Cannes und Venedig werden folgen. Wie in den Jahren vor dem Krieg wird der Biennale in Venedig diesmal wieder die größte Bedeutung zukommen.

Das Film-Festival in Locarno zeichnet sich vor denen von Cannes und Venedig durch seinen stärker bodenständigen Charakter aus. Hier bestimmen nicht internationale Komitees den Charakter des Festivals, sondern eine Gruppe, ja, sagen wir es ruhig, von Locarneser Patrizierfamilien mit individuellem Geschmack und dem Mut, spezielle Ideen durchzusetzen. Die positiven Wirkungen einer solchen Situation zeigten sich diesmal in der Vermeidung der Überfülle, der konzentrierten Auswahl und dem nicht nur glücklichen, sondern manchmal erschütternden Einfall einer retrospektiven Filmschau, die unter anderem Ruttmanns Meisterwerk: "Berlin, Symphonie einer Großstadt" wiedersehen ließ.

Was der Filmenthusiasmus eines kleinen, von internationalen Verpflichtungen unabhängigen Kreises bedeuten kann, drückte sich in der mutigen Entscheidung aus, keine Preise mehr zu verteilen, sondern das Publikum seinen eigenen Vorlieben und Abneigungen zu überlassen. Mutig ist sie zu nennen, weil sie natürlich einen großen Teil des Anreizes für die internationalen Firmen, ihre Erzeugnisse einem solchen Festival zur Verfügung zu stellen, wegfallen läßt. Wenn man aber weiß, in welcher gedrängten Atmosphäre solche Klassifikationen zustande kommen und wie fragwürdig all solche Ergebnisse sein müssen, wird man für die Entspannung dankbar sein, die sich durch den Entschluß des Komitees über das Festival ausbreitete.

Da es aber ohne Preise offenbar doch nicht geht, traten die anwesenden Filmjournalisten zusammen und verliehen dem ironischen Kriegsfilm "Wenn Willie im Triumph nach Hause kommt" (When Willie comes marching home) von John Ford (Regisseur des Films "The Fugitive" – Befehl des Gewissens) ihren ersten Preis. Sicher nicht zu Unrecht; denn in diesem Film werden die Kriegsbegeisterung einer amerikanischen Mittelstadt, Mythos und Pathos der Résistance, das geschäftige Treiben der Generalstäbe – moderner General Stäbe, die im Nebenzimmer Psychotherapeuten sitzen haben – auf eine Weise verspottet, die sich nur eine sehr starke Nation erlauben kann.

Der Preis des Publikums dagegen fiel dem deutschen Film "Des Lebens Überfluß" (Wolfgang Liebeneiner) zu, der in Deutschland mit geteilter Meinung aufgenommen worden war. Von der ewig jungen Tieckschen Novelle nimmt der Film nur den Titel und die fast symbolische Allegorie der Treppe, die von den Liebenden in ihrer höchsten Not abgebrochen und verheizt wird, womit zugleich ihr Idyll gesichert ist. Sonst ist es das Hamburg der Nachkriegszeit, ein reales Hamburg, das hier den Hintergrund einer Komödie bildet. Der Film hat den Mut zur Typenbildung, und sie ist ihm geglückt. Die breithüftige Wirtin, die jeder kennt, Student und Studentin, die um Wohnung, Essen, Arbeitsmuße kämpfen und dadurch in einen Zustand der Reizbarkeit geraten, der ihren sonstigen Gefühlen nicht entspricht, dann die sogenannte Unterwelt der Schwarzhändler – das lebt alles mit ungezählten lustigen Einfällen.