Die Grenzen biographischer Musikfilme Viele Filme sind gedreht worden, um große Musiker zu feiern. Schubert ist wohl der begehrteste, seine drei letzten Filmbiographien waren: "Dein ist mein ganzes Herz" mit Richard Tauber aus England, "Serenade" und "Die Unvollendete" von Reinhold Schüntzel aus Hollywood. Aber auch Schumann ("Träumerei"), Berlioz ("Symphonie der Liebe" – Symphonie fantastique), Mozart ("Wen die Götter lieben") und Beethoven wurden zu Filmhelden. Sehr ernsthafte künstlerische Versuche sind darunter, wie der kürzlich in Hamburg gezeigte österreichische Film "Eroica" mit Ewald Balser in der Hauptrolle. Immer scheitern sie daran, daß sich das Schaffen eines Genies nicht in Bildern festhalten läßt. Entweder es erhebt sich unmotiviert ein Sturm und kündigt die Stunde der Intuition an, oder der Künstler selbst gerät in dramatische Bewegung, um anzuzeigen, daß es über ihn gekommen ist; er rast durch Zimmer und Straßen, er steht oder sitzt mit gefurchter Stirn und bedeutendem Gesichtsausdruck am Piano. Dabei weiß man doch, daß ganz konzentriert denkende Menschen in diesem Augenblick ziemlich harmlos, ja töricht aussehen können, weil alle Energien auf den Gedanken gerichtet sind. Die größte Barbarei aber liegt darin, daß die Musik der bedeutendsten Musiker als Klangkulisse gebraucht wird. Denn die Handlung des Films kommt ohne Schnitte nicht aus, und immer dort wird die Musik abrupt abgebrochen, und ein paar neue Takte klingen auf, etwa um die Träumereien einer Liebenden zu untermalen oder die Stimmung einer Landschaft zu illustrieren. Erst wenn es möglich gemacht würde, solche Musikfilme auf einer ganzen Symphonie aufzubauen, werden musikalische Ohren nicht verletzt werden.

Aber obwohl das Leben von Beethoven erfüllt genug war von Dramatik und menschlicher Tragik, so ist auch in dem anspruchsvollen und teuer hergestellten Film "Eroica" (Buch und Regie von Walter Kolm-Veltée) der idealisierende, romantische Ausschnitt aus seinem Leben an der Grenze des Peinlichen. Man muß nur lesen, wie das im Programmheft klingt: "Beethoven zieht sich vor den Truppen Napoleons zum Fürsten Lichnowski (Iwan Petrowitsch) nach Ungarn zurück. Hier lebt seine Lieblingsschülerin, die Komtesse Therese von Brunswik und ihre reizvolle Kusine Giulietta (Judith Holzmeister, eine üppige Schönheit). Giulietta wird von Beethoven geliebt, sie liebt ihn auch, aber Therese erklärt, daß ein Genie wie Beethoven einsam schaffen müsse, worauf dieser nach Wien zurückreist. Beethoven merkt nun, daß er langsam taub wird. Sein Neffe nutzt ihn rücksichtslos aus. Beethoven, mit Gott hadernd, erkennt schließlich, daß er taub werden muß, um in sich eine Musik zu hören, die seine Qual in einen Hymnus ‚An die Freude‘ verwandelt."

Die Tränen der Zuschauer fließen, aber sie sind synthetisch erzeugt durch ein Gemisch von Weihrauchwolken, historischer Verschleierung und süßlichen falschen Gefühlen. Es wird durch den waltenden Respekt und den Takt des Regisseurs, durch die schauspielerische Überzeugungskraft Baisers, durch die Wiener Sängerknaben und die Wiener Philharmoniker und Symphoniker unter Hans Knappertsbusch wohl Teilnahme und Ehrfurcht für einen großen Komponisten erweckt, aber diese knappen Proben aus zwar wirkungsvollen aber keineswegs wichtigsten Abschnitten im Leben und Werk eines schöpferischen Menschen sind Mißdeutung und Nivellierung des Genies. EM.