In der letzten Zeit hat Papst Pius XII. mehrfach zu einem der Grundprobleme unserer Zeit, nämlich zu der Frage Stellung genommen, wie sich der Richter zu der fortwährend wachsenden Differenz zwischen Gesetz und Recht zu verhalten habe. (Siehe "Die Zeit" vom 17. November 1949.) Eine mehr ins Spezielle gehende Frage ist schon, was das "ungerechte Gesetz" vom "gesetzlichen Unrecht" unterscheidet. In seiner Schrift "Vom irrenden Gewissen" (Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen, DM 1,50) geht Dr. Hans Welzel Professor in Göttingen, auf dieses Problem ein und erweitert es zu einer Analyse der "überpositiven Schuld", die aus dem "überpositiven Unrecht" entsteht. Das Ergebnis seiner Untersuchung ist – und kann nur sein –, daß zur Lösung die Anerkennung eines materialen Prinzips der Ethik, nicht nur eines formalen wie bei Kant, unerläßlich ist. Dieses Prinzip glaubt er in der Formel zu finden, daß "der Mensch als Person (als sittlicher Selbstzweck) der materiale Mindestgehalt jeder Ethik" sein müsse. Diese Formel begründet er, übrigens mit dem stärksten Satz der Schrift, indem er sagt: "In allem geschichtlichen Wandel muß der Mensch einen Wesenskern aufweisen, der identisch beharrt und der es überhaupt ermöglicht, ihn als identisches Subjekt der Geschichte zu erfassen." Dieser Kern, so möchte man hinzusetzen, ist die Moral, die wir aus der geschichtlichen wie aus der inneren Erfahrung kennen und die wir bei der Betrachtung der Geschichte jederzeit als selbstverständlich voraussetzen. – Welzel folgert aus seiner Analyse eine scharfe Trennung zwischen gesetzlichem Unrecht, das nicht mehr verbindlich ist, und ungerechtem Gesetz, das noch verbindlich ist, also der Änderung bedarf.

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Die ganze Tiefe des Problems der Relation von Staat und Moral vermag, trotz aller guten Absichten, Dr. rer. pol. Th. Lorch (Moral und Politik, Verlagsbüro Bender, Karlsruhe/Neustadt-Hardt, DM 3,95) nicht zu erfassen. Sein Buch, das er in einem indischen Internierungslager geschrieben hat, ist zwar von hoher Moral, begründet aber keine Moral, sondern predigt Moral, was leider die meisten Bücher dieser Art tun. Es ist, mit dieser Einschränkung, gleichwohl nicht ohne Wert. W. F.