Kampf um eine strategische Bastion oder Beginn einer Weltkatastrophe?

Durch die Täler Koreas rollen Panzerdivisionen und Nachschubkolonnen, über die Gebirgsketten fegen die Kampfflugzeuge und Jagdgeschwader – über Nacht hat sich die Kriegsfurie eines friedlichen Gebietes bemächtigt. Gestern kannten viele kaum den Namen der ostasiatischen Halbinsel, morgen wird sie vielleicht der Ausgangspunkt einer unabsehbaren Weltkatastrophe sein. Es ist die Furcht vor dieser Katastrophe, die seit dem 25. Juni alle Augen auf Korea zieht. Sind nicht von Korea aus die Japaner vor fast zwanzig Jahren in die Mandschurei gestoßen und hat man dies nicht als den ersten Schritt zum zweiten Weltkrieg angesehen? Hat die Geschichte nicht eine Vorliebe dafür, ihre großen Konflikte immer wieder an den traditionellen Pulverfässern wie am Balkan zu entzünden? Oder hat Stalin, Roosevelts guter, alter Onkel Joe, nur wieder einmal den kapitalistischen Baum geschüttelt, um zu sehen, ob die eine oder andere Pflaume für ihn abfällt? Mit andern Worten: soll Korea das Signal zur großen Endabrechnung oder nur der Versuch sein, sich in den Besitz einer wichtigen Position zu setzen?

Die militärische Bedeutung des Landes Korea, das sich wie eine breite Brücke von der Mandschurei gegen Japan hin erstreckt, steht außer Diskussion. Die Nordgrenze der Halbinsel, die auf einer Länge von wenigen Kilometern gerade noch Sibirien streift, ist von der Sowjethauptstadt des Fernen Ostens, Wladiwostok, etwa 180 km, also ebensoweit entfernt, wie die Südwestspitze von Japan. Daher konnten die japanischen Generale und Beamten, die in den dreißiger Jahren die Mandschurei zu ihrem Rohstoff- und Rüstungszentrum ausbauten, von Harbin und Mukden in direkten Zügen bis nach Japan fahren: die Schlafwagen wurden im südkoreanischen Hafen Fusan, der jetzt das Ziel der kommunistischen Offensive und der Hauptausladehafen der Amerikaner ist, auf eine Fähre gebracht und in Shimonoseki auf japanischem Boden wieder auf die Schienen gesetzt. Die japanische Herrschaft, die in der Mandschurei fünfzehn und in Korea fünfunddreißig Jahre gedauert hatte, ging 1945 zu Ende. Durch den Besitz Koreas war Japan zum ersten Male Kontinentalmacht geworden. Soll Sowjet-Eurasien jetzt durch den Besitz Koreas pazifische Seemacht werden?

3000 Jahre Geschichte

Korea ist ein geheimnisvolles Land. Eigentlich wußten nur die Japaner dort Bescheid. Das liegt nicht daran, daß etwa die anderen Nationen kein Interesse an Korea gehabt hätten. Aber es war eine Folge der koreanischen Geschichte, daß sich das Land gerade in dem Zeitraum, in dem der Welthandel begann, die Volker einander näher zu bringen, nämlich im 19. Jahrhundert, so vollkommen isolierte, daß es ein lebensgefährliches Wagnis war, mit einem Schiff dort zu landen. Korea hat eine sehr lange und ereignisreiche Geschichte, die in der chinesischen Historiographie bis auf das Jahr 1122 v. Chr. zurückverfolgt werden kann. In diesem Jahr gründete ein vornehmer Chinese namens Ki-jo auf Korea einen Staat mit der Hauptstadt Piongyang, dem heutigen Sitz der kommunistischen Regierung von Nordkorea. Vielleicht schon seit diesem Zeitpunkt, historisch überliefert aber seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert war Korea ein Land des ewigen Krieges. Immer wieder hatte es sich gegen die Chinesen zu verteidigen, die es ein ums andere Mal annektieren und tributpflichtig machten. Eine gewisse Selbständigkeit blieb aber stets bestehen. Auch gegen die Japaner wehrten sich die Koreaner erfolgreich, die im 16. und 17. Jahrhundert mehrere Angriffe auf die Halbinsel unternahmen. Damals haben sich die Koreaner durch die Erfindung einer besonderen Art von Kriegsschiff ausgezeichnet, das ihnen die Vernichtung der Invasionsflotte ermöglichte. Dennoch mußten sie Hilfe der Mandschus in Anspruch nehmen, die sie wieder tributpflichtig machten und, als sie China eroberten, abermals dem Chinesischen Reich einverleibten. Seit damals (1644) hat sich das durch Krieg und Ausbeutung der Sieger verarmte Land für 250 Jahre von der Welt vollkommen abgeschlossen. Erst als die Koreaner, nach Heranreifen Japans zur Großmacht, die chinesische Oberhoheit abgeworfen hatten, begann es sich allmählich den Fremden zu öffnen. Im Vertrag von 1898 wurde die Selbständigkeit Koreas sowohl von Japan als auch von Rußland garantiert. Doch wurde es schon im Jahre 1905 nach dem russisch-japanischen Krieg, in welchem es ein erstrebtes Objekt beider Gegner war, japanisches Protektorat, fünf Jahre später japanische Kolonie. Und erst damals begann – übrigens von der westlichen Welt mit Sympathie begrüßt – die Erschließung, die Zivilisierung des Landes.

Man darf das Wort Zivilisierung hier nicht falsch verstehen. Die Koreaner, mit einer mehr als 3000jährigen Geschichte, sind die Träger einer alten und entwickelten Kultur. Sie haben eine eigene Sprache, wenn auch die Schriftsprache meist das Chinesische war, eine eigene Literatur und eine strenge soziale Ordnung. Die Sprache die zur Gruppe der mongolisch-tatarischen Sprachen gehört, ist dem Japanischen ähnlicher als dem Chinesischen, doch war der chinesische Kultureinfluß durch die ganze Geschichte überwiegend und die Koreaner waren es, durch die Japan mit der chinesischen Kultur bekannt gemacht wurde. Daraus ergab sich bei den gebildeten Koreanern ganz ähnlich wie bei den Chinesen ein Gefühl kultureller Überlegenheit, ja eine gewisse Arroganz gegenüber den Japanern. Das erhellt die Schwierigkeiten der japanischen Herrschaft über die Koreaner, die sich von den Kulturproleten aus dem Land der aufgehenden Sonne nicht regieren lassen wollten. Die Japaner haben trotzdem die koreanische Sozialstruktur, in der ein sehr großer, kastenartiger Unterschied zwischen Volk und Vornehmen bestand, nicht gewaltsam geändert. Infolgedessen konnten die Kastenunterschiede sich nach dem japanischen Zusammenbruch ebenso zwanglos in Klassenunterschiede wandeln.

Diese Unterschiede spielen in Südkorea eine sehr große Rolle. Südkorea, das im Gegensatz zum Norden, wo ein nicht unbeträchtlicher Bergbau und eine gewisse Industrialisierung vorhanden sind, ein fast rein agrarisches Land ist, wurde von den Japanern mit großen Anstrengungen in eine Korn- oder besser gesagt Reiskammer verwandelt. Die Hektarerträge haben sich unter der japanischen Verwaltung nahezu verdoppelt, an ihrer weiteren Steigerung wird heute noch gearbeitet: Gerade in den letzten Wochen kam das erste Exportgeschäft Westdeutschlands nach Korea zustande, ein großer Abschluß in Kunstdünger – der nun wohl nicht mehr geliefert werden kann. Außerdem hat Südkorea eine ziemlich leistungsfähige Viehzucht. Aber die Hälfte der Bauern sind Pächter, ein weiteres Drittel sind Teilpächter. Der Pachtzins ist unerschwinglich hoch – nach amerikanischen Quellen beträgt er meist die Hälfte der Ernte –, die Bauern sind daher, bei 30 v. H. und mehr Jahreszinsen, bis über die Ohren verschuldet. Sehr viel im ökonomischen und im sozialen Sinn haben die südkoreanischen Bauern daher nicht zu verteidigen. Für sie ist die Freiheit, die in ihrer Erinnerung gar nicht vorkommt – auch die Japaner haben ein strenges Regiment in Korea geführt – ein sehr relativer Begriff: Die Freiheit des Grundherrn, den Pachtzins einzutreiben, ist etwas anderes als die Freiheit des Bauern, ihn zu bezahlen.