Die irreführende Nachricht, daß mit dem Verkauf des deutschen Botschaftsgebäudes in Madrid die Liquidierung des deutschen Eigentums in Spanien abgeschlossen sei, richtete die Aufmerksamkeit weiter Kreise erneut auf ein überaus trauriges Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Allerdings war diese Meldung nicht ganz zutreffend. Abgesehen davon, daß das Gebäude der Botschaft von den Alliierten ohne Ein-3uß der spanischen Regierung veräußert wurde, gibt es noch immer eine Reihe von ehemals deutschen Firmen, die zur Enteignung vorgesehen und deren Enteignung aber noch nicht ausgeschrieben wurde. Allein diese Firmen verfügen aber ein Kapital von 9.142 Md. Ptas.

Außer den halbstaatlichen deutsches Unternehmen, die die Alliierten in Spanien als einstiges Reichseigentum übernommen haben und die zum; iberwiegenden Teil bereits verkauft wurden, hat die spanische Regierung bisher deutsche Firmen und deutsche Kapitalanteile im Gesamtwert von 70,5 Md. Ptas. zum Verkauf gebracht und den neuen Eigentümern übergeben. Jetzt sind weitere Firmen und Kapitalanteile in Höhe von 53,9 Md. Ptas. zum Verkauf ausgeschrieben, so daß sich bei 43 ehemals deutschen Unternehmungen ein Gesamtwert von 124,4 Md. Ptas. errechnen läßt.

Die Verkaufswerte stehen größtenteils in keiner Beziehung zu den wirklichen Werten, Nach den bisherigen Gepflogenheiten wurde der Preis von den Alliierten, die bei den Verhandlungen als "Vertreter" des deutschen Eigentümers auftreten, in Übereinstimmung mit den spanischen Treuhändern festgesetzt. Der Gegenwert soll dem deutschen Eigentümer durch die deutsche Regierung einmal bezahlt werden. Und die Alliierten haben sich Spanien gegenüber sogar verpflichtet, eine diesbezügliche Klausel in den künftigen Friedensvertrag aufzunehmen. Es ist aber wohl nicht übertrieben, wenn man trotzdem von einer entschädigungslosen Enteignung spricht

Nicht verkannt werden darf, daß Madrid sich drei Jahre hindurch wehrte, mit den Alliierten dieses "Enteignungsabkommen" abzuschließen. Wahrscheinlich wurde dieser Schritt überhaupt nur möglich, weil man sich in Spanien der Hoffnung hingegeben hat, durch dieses Entgegenkommen die Beziehungen zu den Westmächten Zu bessern. Insgesamt dürfte der Wert der deutschen Enteignungen in Spanien kaum 15 Mill. $ erbringen. Längst fragt man sich in spanischen Bank-, Handels-, Industrie- und auch in Regierungskreisen, ob diese Enteignungen letzten Endes nicht Spanien viel schwerer treffen und das künftige Verhältnis zu Deutschland ungewöhnlich stark belasten. Die Zerschlagung der deutschen Niederlassungen zerbricht grundsätzlich die gesamte deutsche Verkaufsorganisation. Es wird für die deutsche Industrie sehr schwer sein, neue Organisationen aufzubauen, denen sie uneingeschränktes Vertrauen schenken darf. Ähnlich ergeht es den Zweigunternehmen der großen deutschen Werke (AEG, Siemens, Osram, Bayer), die – auch wenn sie dazu in der Lage wären – es sich sehr überlegen müssen, ob sie mit den neuen Eigentümern auf Grund von Lizenzverträgen weiterarbeiten können.

Spanien braucht für seine Industrialisierung die Mitarbeit der deutschen Industrie, der deutschen Techniker und Ingenieure. Zum Einkauf in den USA fehlen die Dollar, Großbritannien verlangt lange Lieferzeiten, und das spanisch-französische Clearing zeigt eine nicht erwartete Entwicklung. Wäre es daher nicht an der Zeit, daß Madrid bei den Alliierten einen sofortigen Enteignungstop erwirkt? Die Westmächte hätten schon längst der veränderten Lage Rechnung tragen sollen. Vielleicht ließe sich mit Bonn darüber in aller Sachlichkeit verhandeln, um einen Weg zu finden, der alle Teile befriedigt. Heute wird wohl kein Mensch noch behaupten wollen, daß die deutsche Wirtschaftsorganisation in Spanien auch nur die geringste Gefahr für die Westmächte bedeutet. Und Konkurrenzgründe dürften doch wirklich nicht allein ausschlaggebend sein, derartige Zerstörungen weiterzuführen. M. P.