Von A. M. Stahmer

Nur der Wechsel ist beständig: Kamen früher die Ölimporte zuerst aus Rußland und Pennsylvanien, dann aus Niederländisch-Indien oder aus dem Mexikanischen Golf, so stillen heute die Länder des Nahen Ostens den europäischen Öldurst. Die deutsche Eigenförderung verlagert sich zunehmend vom Förderbezirk Hannover an die holländische Grenze. Damit wandeln sich zugleich die technischen Voraussetzungen. Es wandelt sich auch das jeweils am Markt gefragte Produkt. Kurz: Die Ölwirtschaft hat dynamischen Charakter.

Berücksichtigt man diese Umstände, dann wird es klar, daß sich die Mineralölindustrie nur schwer in das Korsett systematischer Planungen einfügt. Sie hat in dieser Hinsicht nicht nur den Kapitänen der totalitären Vier- oder Fünfjahrespläne, sondern auch den Experten des Marshall-Planes schon manche Kopfschmerzen bereitet. – Wie sieht es nun in Westdeutschland aus?

Die Suche nach neuen Erdölvorkommen war nach 1945 in einem selbst für die Fachleute überraschendem Maße erfolgreich. Gerade 1949 hat Entdeckungen gebracht, die zu einer völligen Neubewertung der Öl-Lagerstätten geführt haben. Seit dem Beginn der industriellen Gewinnung in den 70er Jahren in Wietze an der Aller sind aus den nordwestdeutschen Ölfeldern insgesamt 13,2 Mill. t gewonnen worden; fast das Fünffache des Ölverbrauchs Westdeutschlands 1949. Auf Grund der Bohrerfolge des letzten Jahres hat das Amt für Bodenforschung die nachgewiesenen Vorräte in Nordwestdeutschland auf 36,5 Mill. t, d. h. die dreifache Menge der bisher getätigten Ausbeute, geschätzt. Dabei sind die jüngsten Neuentdeckungen in Quakenbrück (Süd-Oldenburg) und Eldingen (bei Celle) noch nicht oder nur zu einem minimalen Teil berücksichtigt. Man kann damit rechnen, daß das Jahr 1950 mit einem Förderergebnis von rund 1,2 Mill. t abgeschlossen wird, gegenüber 841 576 t in 1949 und 547 441 t in 1945. Die Monatsförderung liegt gegenwärtig bei etwa 95 000 t und steht damit nur knapp hinter der Quote der drei bisher besten Monate (Juni bis August 1940) zurück. Dabei ist zu bedenken, daß die damalige Produktionshöhe nur durch die stark und ohne Rücksicht auf die Erhaltung der Lagerstätten forcierte Ausbeute Anfang des Krieges erreicht werden konnte.

Das Schwergewicht der Erdölgewinnung hat sich heute bereits auf die in den Jahren 1943 und 1944 erschlossene Ölprovinz im Emsland verlagert. Die Namen einst unbekannter Kolonistendörfer haben über die deutschen Grenzen hinaus Klang gewonnen: Georgsdorf, Emlichheim, Dalum, und dazu die 1949 entdeckten Lagerstätten von Rühlertwist, Rühlermoor und Scheerhorn. Im Mai entfielen 47 v. H. der westdeutschen Erdölproduktion auf das Emsland und 43 v. H. auf die Ölprovinz Hannover-Celle. Aber auch hier zeichnen sich neue Möglichkeiten ab: In Suderbruch und Eldingen hat man reiche Erdöllagerstätten erbohrt. Die Forschungen zwischen Weser und Aller erhielten neuen Auftrieb. Auch in Schleswig-Holstein (Heide) oder im Gebiet von Quakenbrück, bei Cuxhaven, im Münsterland oder schließlich im badischen Rheintal und im schwäbisch-bayrischen Voralpengebiet hat der Bohrmeißel noch manche Chance. Man hofft, bis zum Ende des Marshall-Planes 2 Mill. t jährlich zu fördern. – Inzwischen steigt aber auch mit der wirtschaftlichen Erholung der Ölbedarf Westdeutschlands. Doch es ist kaum zweifelhaft, daß bald ein Drittel des Mineralölkonsums aus "Eigenbedarf" gedeckt werden kann.

Nach der Kapitulation importierten zunächst die Alliierten (über GARIOA) Mineralölfertigprodukte. Mit dem Wiederaufbau der schwerbeschädigten Raffinerien lief dann langsam der Import von überseeischem Rohöl an.

inzwischen wechselte auch das Mineralöl vom "Käufer"- zum "Verkäufer"-Markt. Es werden Westdeutschland sowohl Fertigprodukte als auch Rohöle angeboten, die der Bund ohne ERP- oder Exportdevisen über liberalisierte Handelsverträge oder auf dem Wege von Austauschgeschäfter. (Rohöl gegen zusätzliche Exporte von deutschen Ausfuhrartikeln) kaufen kann. So trafen in den letzten Monaten Tanker mit Benzin- und Dieselkraftstoff-Ladungen aus Frankreich, Schweden, Italien und anderen Ländern ein. Die Treibstoffvorratslage konnte sich so wesentlich bessern. Allerdings wird angestrebt (im Zuge des Ausbaus der deutschen Verarbeitungskapazität), die Einfuhr von Fertigprodukten weitgehend überflüssig zu machen. Sobald die geplanten Anlagen fertig sind, ist mit einem starken Rückgang des durch den Zolltarif benachteiligten Direktimportes von Fertigprodukten zu rechnen. – Über die liberalisierten Handelsverträge kommt gegenwärtig auch eine Reihe von Spezialprodukten herein, deren Einfuhr für die westdeutschen Verarbeitungswerke Absatzschwierigkeiten mit sich bringt. – Und Bonn befürwortet den Abschluß von Geschäften, bei denen Rohöl gegen zusätzliche deutsche Exporte ausgetauscht wird. Es liegen Angebote aus den USA, Mexiko, Venezuela und Südostasien vor. Schwierigkeiten bereitet dabei die Qualitätsfrage; denn die Raffinerien brauchen für ihre Markenerzeugnisse die gleichmäßige Zufuhr ihrer Qualitätssorten. – Nicht zuletzt: Freizügigere Methoden im Importgeschäft werden die Konkurrenz der Öl-Gesellschaften mehr und mehr in Erscheinung treten lassen.