Die Hamburger Freihafenzentrale mit "Lichtbetrieb" hat im Jahre 1888 ein gewisser Sigmund Schlickert aus Nürnberg eingerichtet, nachdem er ein Jahr früher bereits das Lübecker Elektrizitätswerk gebaut hatte. Wenn die elektrische Straßenbeleuchtung in Altona (heute ein Hamburger Stadtteil) aufflammt, denkt man wohl nicht mehr daran, daß dieser Industriepionier, dessen Name noch heute im Firmennamen Siemens-Schuckert erscheint, diese als erste in Deutschland 1891/92 angelegt hat. Nach schwierigen Verhandlungen gab man seinem Nürnberger Werk auch die Konzession zum Bau der Hamburger Straßenbeleuchtung. Seitdem ist Nürnberg für die elektrotechnische Industrie führend geblieben.

Dieser Tatsache wird auf der Jubiläumsausstellung die man jetzt zur Neunhundertjahrfeier veranstaltet, dadurch Rechnung getragen, daß dort der größte Wandertransformator der Welt mit einer Leistung von 100 000 kVA ausgestellt wird. Die "Preußen-Elektra" (Hannover-Kassel) wird ihn anschließend in ihr Netz hängen; sie kann dieses teure Monstrum (sechsstellige Rechnung!) aber binnen Stunden an einen andern Ort wandern lassen, wenn technische Umstände dies erfordern. Seit 1938 hat man 17 dieser 170-Tonnen-Ungetüme geliefert.

Auch der Nürnberger Fahrzeugbau geht auf die älteste Zeit dieses Wirtschaftszweiges in Deutschland zurück. Im Direktorium der ersten Eisenbahn Nürnberg–Fürth war der Kaufmann Johann Friedrich Klett, dessen Maschinenfabrik unter seinem Schwiegersohn Theodor von Cramer-Klett den steilen Aufstieg zur heutigen Maschinenfabrik – Augsburg – Nürnberg (MAN) nahm. Der Versuch, die Ursprungsabteilung des Werkes wegen unzureichender: Inlandaufträge mit solchen aus dem Ausland am Leben zu erhalten, führte in jüngster Zeit zu dem Auftrag der türkischen Staatsbahn. Für die 16 diesel-hydraulischen Triebzüge ist die MAN Generalunternehmer.

Neben diesen metallischen Großindustrien zeigen auch andere Nürnberger Wirtschaftszweige ein weltweites Gesicht, hat doch sogar die mittelfränkische Handwerkskammer als erste eine eigene Exportförderungsstelle geschaffen. Da "bewährte Tradition" im Fränkischen sehr viel bedeutet, kann jedes größere Unternehmen seinen Ursprung zumindest bis auf den Anfang des Industriezeitalters zurückverfolgen. Besonders hervorheben muß man die Bleistiftindustrie. Die fast zweihundertjährige Geschichte des Hauses A. W. Faber-Castell zeigt den Aufstieg der Firma vom "Bleistefftmacher" zum heutigen großindustriellen Unternehmen. Als vor 100 Jahren Lothar Faber es wagte, seine Bleistifte mit dem Firmennamen zu versehen, schuf er den Markenbleistift. Er legte auch Konsignationslager in allen Teilen der Welt an. Seitdem haben die Nürnberger Bleistifte (es sind inzwischen sechs Firmen geworden) Weltruf. Im vergangenen Jahr verließen wöchentlich 50 Mill. Bleistifte Nürnberg. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres hat die bayerische Bleistiftindustrie bereits den Gesamtabsatz des vergangenen Jahres ins Ausland verkauft, an Belgien, Holland, Italien, neuerdings auch Frankreich und die Türkei. Das Südamerika-Geschäft bleibt noch unbefriedigend; doch seitdem die Bleistifte wieder namentlich in den Listen der Handelsverträge erscheinen, sieht auch dieser Nürnberger Zweig zuversichtlicher in die Welt. Die neueste chemisch-technische Entwicklung geht dahin, "tropenfeste" Farbstifte zu entwickeln.

Zwei weitere Branchen haben noch Nürnberg als Mittelpunkt: Das Spielzeug und der Hopfen. Die noch mit unzulänglichen Mitteln im Frühjahr veranstaltete Spielwarenfachmesse brachte zweifellos Erfolge. Das Ziel, die gleichmäßig über das ganze Jahr verteilte Vollbeschäftigung, konnte noch nicht erreicht werden. Doch die Neuheiten suchende ausländische Händlerschaft kommt in Nürnberg immer wieder auf ihre Kosten. Die Qualität der Nürnberger mechanischen Blechspielwaren – ferngelenkte Autos, kurvende Motorradfahrer – findet sogar mit Sonderflugzeugen Eingang auf den Dollarmarkt.

Der Hopfenhandel hat in Nürnberg sein europäisches Zentrum. Das bayerische Hauptanbaugebiet in der Hallertau oder die nahegelegenen Gebiete von Hersbruck und Spalt, teilweise auch Württemberg, liefern den Inlandhopfen. Jahrhundertealte Handelstradition hat jedoch die Fäden ins Saazer Hopfengebiet nicht abreißen lassen. Aus der tschechischen Nachbarschaft kommen jedoch jetzt nur noch wenige Ballen nach Deutschland. –chel.