Der Sport hat dem literarischen Leben ein Geschenk gemacht: die Rangliste. Tenniscracks und Romanciers werden gleichermaßen nach Punkten gewertet. Das besorgen teils, autoritär, zuständige Jurys, teils ermittelt die Gallup-Methode auf etwas demokratischere Weise die Spitzenspieler. Soweit damit nicht echte Wertungen erreicht, sondern Meinungen registriert werden sollen, hat das Verfahren seinen guten Sinn. So fragte kürzlich ("Die Zeit" Nr. 23 vom 8. Juni) Professor William H. F. Lamont von der Rutgers University in New Brunswick die Leser der "Zeit", wie sie über eine Liste von elf deutschen Romanen dächten, die deutsche Freunde eines seiner Studenten als die besten bezeichnet hatten, und die zahlreichen Leserantworten, die darauf eingegangen sind, können Professor Lamont einen ersten Einblick in den Urteilsstandard der anspruchsvolleren deutschen Leserschaft geben. Bisweilen aber wird auch die Gallup-Methode zu einer Abstrusität. Etwa in folgendem Fall:

Da Umfragen, welche Bücher als die interessantesten gelten, allmählich langweilig geworden sind, hat sich eine amerikanische Universität eine besonders interessante Umfrage ausgedacht: Verleger, Schriftsteller, Kritiker, Buchhändler und Bibliotheken erhielten einen Fragebogen, auf dem sie die nach ihrer Ansicht langweiligsten zehn Bücher der Weltliteratur angeben sollten. Sie haben es getan. "Faust" kam in die Spitzengruppe (der von Goethe, nicht der von Thomas Mann). "Don Quijote", Miltons "Verlorenes Paradies" und noch manches gefeierte Werk. Das alte Testament erhielt etwas zu wenig Stimmen, um unser die ersten Zehn aufgenommen zu werden. Es erzeugt offenbar nicht so viel Langeweile, wie der Umfragesport verlangen kann. Oder haben die Befragten sich nur einen Scherz mit der fragenden Universität gemacht? Fast sieht es so aus. Denn wer ernstlich dafür stimmt, daß das "Verlorene Paradies" auf eine Liste musterhaft langweiliger Bücher kommt, muß es gelesen haben. Die allermeisten haben es aber nicht gelesen. Aus dem einfachsten Grunde von der Welt: weil es ihnen zu langweilig ist. Das nämlich ist die Reaktion des Lesers auf ein Buch, das er langweilig findet: er legt es nach wenigen Seiten aus der Hand. Darum ist das Urteil "langweilig" ein absolutes Urteil, das keine Steigerung und keine Rangfolge zuläßt. Eine korrekte Umfrage müßte lauten: welche Bücher haben Sie nicht gelesen, weil sie Ihnen zu langweilig waren? Das wäre aber eine zu langweilige Umfrage, weil keiner sie beantworten möchte. Cel.