In unserer wirtschaftlichen Leistungsbilanz gewinnt der Reiseverkehr aus dem Ausland steigende Bedeutung. Der "unsichtbare Export", wie dieser Posten gern genannt wird, macht monatlich bereits wieder einige Millionen Dollar aus. Aber noch ist er verschwindend gering, wenn er in Vergleich zu den ehemaligen Ziffern Deutschlands gestellt wird. Kann dieser Posten erhöht werden?

Die Frage ist positiv zu beantworten. Waren nach dem Zusammenbruch kaum 53 Betriebe verblieben, die für den internationalen Reiseverkehr zugänglich gemacht werden konnten, so verfügen wir jetzt wieder über etwa 450 Häuser in allen Teilen der Bundesrepublik, die den Ansprüchen eines internationalen Publikums genügen. Davon sind allein 80 Betriebe mit 10 864 Betten, die als Luxushotels angesprochen werden können.

Von den 3 Md. einst in Hotels investierten deutschen Volksvermögen hat der Krieg 750 Mill. zerstört. Die Nachkriegszeit hat durch Beschlagnahmen und Plünderungen weitere 750 Mill. an Werten vernichtet. Seit etwa 1946 sind für 300 Mill. RM/DM neue Werte geschaffen worden und zwar ausschließlich aus eigener Kraft des Gewerbes ohne öffentliche Mittel und Zuschüsse. Diese Leistung ist erstaunlich.

Für die Volkswirtschaft liegt nun die Überlegung nahe, wie dieser großen Vorleistung eine gute Frequenz an die Seite gestellt werden kann, d. h. ob es nicht brachliegende Quellen und Mittel gibt, die liquide gemacht werden könnten. Um sich ein Bild von der Größenordnung zu machen, sei erwähnt, daß der Umsatz der deutschen Beherbungsbetriebe im Jahre 1929 bei 900 Mill., 1937 bei 1,5 bis 1,6 Md. RM gelegen hatte und daß die Umsätze bei Reichsbahn, Post, Schiffahrt, Kraftwagen und bei Handwerk und Gewerbe in den Reisegegenden 1937 zusammen rund 7 Md. RM erreichten. Hierin sind nicht die Gaststätten mit ihren Umsätzen enthalten; Diese machten 1937 allem rund 5 Md. RM aus.

In den guten Jahren des deutschen Reisewesens war der Auslandsverkehr an. diesen Umsätzen respektabel beteiligt. Eine internationale Obersicht hat diesen Weltreiseverkehr 1937 auf etwa 5,5 Md. RM berechnet. Davon entfielen auf Europa 1,7, auf die USA 2,8 Md., der Rest auf die anderen Kontinente. Die angelsächsischen Länder – USA, England und Kanada – stellten den Hauptanteil an Reisenden. In Deutschland wurden in den guten Reisejahren von Ausländern ausgegeben: 1936 rund 250 Mill., 1937 rund 360 Mill., 1938 rund 400 Mill. RM. Es ist kein Zufall, daß diese hohen Auslandsausgaben in die Jahre fielen, in denen die deutsche Devisenpolitik die Registermarkbeträge für Ausländerreisen in Deutschland frei gemacht hatte. Aus den alten Berichten des Stillhalteabkommens sind hierüber interessante Zahlen zu lesen. Fast 90 v. H. der RM-Ausgaben der Ausländer kamen aus diesen Registermark- und Sperrkonten. Sie wurden auf diese Weise verflüssigt, belebten den Kreislauf der Wirtschaft und hatten die nicht unerfreuliche Nebenfolge, daß in vielen Fällen ungern gesehene Kapitalüberfremdungen deutscher Betriebe nicht mehr überhand nahmen.

So erreichte damals der Ausländerreiseverkehr in Deutschland jährlich die Höhe eines Monatsexportes der gesamten deutschen Wirtschaft. Es erscheint naheliegend, die Gegenwart an Hand dieser Reminiszenzen zu überprüfen: Die Verhältnisse sind in vielem ähnlich. Auch jetzt haben wir wieder sehr hohe DM-Sperrkonten, die nach Verwendung drängen. Die Gründung einer deutsch-englischen Bank in Frankfurt, um die Nachwährungsreformgewinne britischer Kreise von fast 200 Mill. DM vom toten Konto wegzunehmen und sie zu nutzen, ist ein Alarm. Das Bedürfnis der deutschen Industrie nach neuen Auslandsgeldern erfordert eine Regelung der Altschulden und ihrer Bedienung. Hier werden über kurz oder lang ungeheure Sperrkonten entstehen, die nach Betätigung drängen. Bei Planungen und Beratungen über dieses Fragengebiet sollte rechtzeitig an die Möglichkeit der Wiederschaffung einer Registerreisemark gedacht werden, nicht nur aus Gründen einer guten und über ganz Deutschland sich verteilenden akuten Belebungsspritze, sondern auch mit Rücksicht auf die devisenbringende Fernwirkung – unsichtbarer Export! – nicht zuletzt mit dem politischen Vorteil, der in umfangreichen Deutschlandreisen Hunderttausender von Menschen aus allen Ländern der Welt für uns liegt. Reichelt