R. K. N., Zürich, im Juli

Eine der seltsamsten Blüten treibt jetzt die gelenkte Wirtschaft in der Schweiz. Da der Außenhandel des Landes zum größten Teil bilateral gebunden ist, sein Export von seinen Importen abhängt und viele Abnehmerländer sich darauf versteifen, ihre landwirtschaftlichen Produkte in der Schweiz abzusetzen, ist hier die Bauernschaft, vor allem deren ärmster Teil im Tessin, in eine bedrängte Lage geraten. Während der Bund durch Importzuschläge über ein verwirrendes System von Ausgleichskassen den Konsumenten die Preisvorteile des italienischen und französischen Gemüses vorenthält, um die Landwirtschaft zu stützen, kann diese ihre Produkte nicht mehr gewinnbringend verwerten und findet in den staatlichen Hilfsgeldern keinen Ersatz. Der Erfolg: das ausländische Gemüse ist überteuert, das inländische, das erst einige Wochen nach dem italienischen auf den Markt kommt, nicht unterzubringen. Der Grund: die Planung.

Nachdem schon im Vorjahr die temperamentvolle Tessiner Bauernschaft dem Bundesrat nach Bern einen Waggon verfaulte Tomaten geschickt hat und in diesem Jahr ganze Salatfelder umackern und Blumenkohl verfüttern mußte, während in den Städten Gemüsepreise zu Lasten des Konsumenten "gestützt" wurden, entschlossen sich die Tessiner jetzt zu einem originellen Akt der Notwehr. Über 200 Bauernwagen zogen nach Chiasso zur italienischen Grenze, hinter ihnen kamen Lastwagen mit 15 Zentnern Blumenkohl, die vor dem schweizerischen Zollamt entleert und auf die Straße zu einer Barrikade getürmt wurden. Als nun ein Lastwagenzug mit italienischem Gemüse an die Grenze kam, konnte er nicht passieren, denn auf ihrer Blumenkohlbarrikade standen die Tessiner Bauern, entschlossen zu siegen oder mit ihren Preisen unterzugehen. Weder hatten die Zöllner Lust, die Blumenkohlbarrikade zu stürmen, noch fand sich unter den Importeuren ein moderner Winkelried, gewillt, seinem italienischen Salat "eine Gasse zu bahnen". Hoch von der Barrikade herab, auf der sie standen und nicht anders konnten, diktierten die Tessiner Bauern den Parlamentären des italienischen Gemüses die Preise.

Sechs Stunden hielten die Tessiner Bauern ihre nahrhafte Barrikade. Denn der Staat war weise, er tat das Beste, was ein Staat tun kann: er mengte sich nicht ein. So kam es zwischen der angreifenden Planwirtschaft und den Tessinern zu jenem Vergleich der Interessen, den die staatliche Wirtschaft sonst zu verhindern weiß. Daß, als beim Nostrano der Friedensschluß zwischen Bauern und Importeuren begossen wurde, die Konsumgenossenschaft, vertreten durch das Volk von Chiasso, die Barrikade heimtrug und kochte, war der versönliche Abschluß, der die Überschrift trägt: Gelenkte Wirtschaft...