Als Graf Hermann Keyserling 1940 sechzig Jahre alt wurde, war eine öffentliche Ehrung nicht gestattet. Seine Freunde mußten sich darauf beschränken, ihm in einer handschriftlichen Festgabe persönliche Betrachtungen zu widmen. In meinem Beitrag dazu suchte ich darzustellen, wie Keyserlings Bewußtseinslage am besten von der des Traums und Rausches her zu verstehen sei, und er stimmte dem lebhaft zu.

Von hier aus wird vielleicht am ehesten verständlich, warum Keyserling so wenig verstanden und vielleicht gar nicht ernst genommen wurde. Solche Bewußtseinslage scheint dem modernen europäischen Philosophen unangemessen, trotz allen zeitweisen mystischen Regungen und dionysischen Bekenntnissen. Der Fragende und Forschende gilt als der bestimmende philosophische Typus, der sich dementsprechend ausdrücklich als Wissenschaftler empfindet und betätigt. Dagegen hat sich Keyserling immer – wie die alten Weisen und Philosophen – als ein Wissender gefühlt, der die Aufgabe hat, sich seines unmittelbaren Wissens immer bewußter zu werden. Es war ihm dabei deutlich, daß bei ihm, soweit aufgeschlossen er war, auch eine solche Art Erfahrung notwendig begrenzt sein mußte, weil er seiner Anlage nach nicht für alles empfänglich war und selbst seine große gestaltende Kraft diese übergroße Aufgabe nur unzureichend bewältigen konnte.

Im Traum und Rausch erfährt man die Welt nicht als ein Gegenüber, als eine gegenständliche Ordnung, die es zu erkennen und zu zergliedern gilt, indem man sie "feststellt". Sondern man ist unablösbar in sie verwoben und macht alle ihre fortwährenden Verwandlungen mit, indem man sich selber verwandelt. Auf solche Art wird man ihrer teilhaftig, ihrer inne, indem man sich in sie hinein auflöst und sie sich in einem selbst auflösen läßt. Dies ist das fühlende und verstehende Erfassen der Welt. Verstehen ist also hier ein sich Hineinversetzen durch Verwandlung und damit ein Eindringen in die schöpferische und gestaltende, in die sinngebende Kraft und Instanz, deren man durch Mitvollzug inne wird. Es ist für den wissenschaftlich auf Distanzierung und Objektivierung geschulten gebildeten Europäer schwer, ja oft unmöglich, mit einer solchen Bewußtseinslage vertraut zu werden und sie gar noch als eine ernstzunehmende Erfahrungsweise gelten zu lassen. Dazu kommt, daß Keyserling es dem Leser nicht selten durch eine oftmals allzuwenig sorgfältige Schreibweise schwer macht, ihm nahe zu kommen. Diese entsprach seiner ungeheuer impulsiven Art, die in zuweilen rasendem Tempo Einfall auf Einfall aus sich herausschleuderte. Und nur wer ihn persönlich erlebt hat, vermag ganz von dieser aufrührenden Kraft erfaßt zu werden.

Mit dem Traum, seinem Sinn und seiner Wirkung sich eingehend zu befassen, ist die ständige Aufgabe des tiefenpsychologisch ausgebildeten Psychotherapeuten; und auch gewisse Rauschzustände können für ihn bedeutsam werden, so vor allem der tief aufführende und aufschlußreiche Mescalinrausch. Es ist der Tiefenpsychotherapie selbstverständlich, daß in diesen besonderen Bewußtseinslagen nicht nur wesentliche Regungen und Erfahrungen des Menschen sich offenbaren, sondern daß er in ihnen auch tiefdringende Einsichten in die ihm zugängliche Welt gewinnen kann. Das Entscheidende bei einem solchen psychotherapeutischen Verfahren ist nicht – wie man früher glaubte – die Analyse der Träume und ähnlicher Erlebnisse. Sondern es kommt wesentlich darauf an, daß der Behandelte sich immer weiter vor sich selbst aufschließt und sich selbst hierbei verstehend unmittelbar erlebt und wandelt. Was hierbei geschieht, ist nicht begrifflich bestimmbar. Sondern so wie dieses Erleben in sinnhaften Bildern sich vollzieht, ist es auch nur in einer bildhaften Sprache hinreichend zu kennzeichnen. Niemand hat diesen Erlebensbereich überzeugender geschildert als der Dichter Hermann Hesse, der mit der Psychotherapie tief vertraut war. Und ihm am nächsten kommt hierin Keyserling. Aber er mußte mit der übernommenen abstrakten Sprache dabei kämpfen, und auch das macht verständlich, warum er oft nicht ganz den überzeugenden Ausdruck findet. Das liegt nun freilich auch daran, daß er als Philosoph und Methaphysiker weit über die Gehalte hinausdrängt, die dem Psychotherapeuten in der Bewußtseinslage des Traumes und Rausches sich bieten. Das überzeugendste Dokument dieses Bemühens sind seine wunderbaren "Südamerikanischen Meditationen".

Es ist denn auch nicht verwunderlich, daß eine ganze Reihe der verschiedenartigsten deutschen Psychotherapeuten von Rang, unter ihnen vor allem auch der Schweizer C. G. Jung, Keyserling nahestanden. Psychotherapie als Kunst, das heißt als ein Wirken im Bildhaften, und Philosophie als Kunst, wie Keyserling sein philosophisches Verhalten nannte, berühren sich stark. Beide wollen nicht Theorie, sondern lebendige; Wirken sein, und zwar in der Art, daß sie den Menschen nicht plangemäß erziehen, sondern sinnbestimmt sich verwandeln lassen. Und so wie die Psychotherapie, obwohl sie wieder einmal Mode geworden ist, noch heute darum kämpfen muß, verstanden und anerkannt zu werden, so widerfährt dasselbe Schicksal der Persönlichkeit und dem Lebenswerk Hermann Keyserlings,

Walter Frederking