E. G. London, Mitte Juli

Praktisch haben die deutsch-englischen Handelsvertragsverhandlungen – sie laufen mit Unterbrechungen seit Anfang März – erst am 7. Juli begonnen, dem Tag, da in Paris die europäische Zahlungsunion perfekt wurde. Seit diesein Datum laufen die Besprechungen in den Geleisen, die normalerweise nicht nur zu einem umfassenden, sondern auch zu einem für beide Teile befriedigenden Abkommen führen. Wenn jetzt noch einmal für einige Tage "Ruhe" eingetreten ist, so deshalb, weil man auf deutscher Seite für konkrete britische Fragen konkrete Antworten finden will: denn England ist sowohl Teil des Europa-, wie Mittelpunkt des Sterling-Clearings. Und es will auf beiden Pferden reiten.

Ausgangspunkt des europäischen Geschäfts ist naturgemäß das Abstimmen der britischen und deutschen Liberalisierungsmaßnahmen auf den gemeinsamen Handel. Daß es England mit der Liberalisierung im OEEC-Rahmen ernst ist, hat soeben die Einbeziehung Belgiens in den Genuß der britischen Freilisten, gezeigt. Eine entsprechende Maßnahme hinsichtlich Deutschlands dürfte (nach Klärung einiger Sonderprobleme auf beiden Seiten) den noch für Juli erhofften Vertragsabschluß begleiten.

Neben den "Freilisten" geht es um die Kontingente für bisher nicht "liberalisierte" Waren, Der deutsche Wunschzettel ist hier länger als der englische; denn man will ja vom Nachkriegscharakter des deutsch-britischen Warenaustausches endgültig wegkommen, der weitgehend auf dem Tausch kaum entbehrlicher deutscher Rohstoffe gegen normal angebotene Rohstoffe aus den Kolonien beruhte. Man wird wohl England entgegenkommen wollen, indem man die Schrottlieferungen nicht ruckartig abschneidet. Im Gegenzug möchte Deutschland, damit der noch kontingentierte Handel in Fertigwaren über das Vorjahrsvolumen wachsen kann, für etliche Erzeugnisse bindende Zusagen erwirken. Das ist um so schwieriger, je jünger und ehrgeiziger die entsprechende britische Industrie ist: Chemie, Feinmechanik und Optik, einige Zweige der Maschinenindustrie, Neuerungen der Textilindustrie, wie Nylon und Perlon – das sind derartige neuralgische Punkte.

Im Handel mit den britischen Kolonien sollte sich der Fortfall der "Dollarklausel" günstig auswirken. Es ist nämlich eine Faustregel, daß die Kolonien in "Weichwährungsländern" alles das kaufen, was sie brauchen, in "Hartwährungsländern" dagegen möglichst noch weniger als ihnen an Dollarkontingent zugewiesen ist. Jeder Gouverneur möchte sich doch im "Dollarsparen" Sporen verdienen. Aber es wird auch hier noch Kontingente geben.

Mit den Dominien wird die Güterseite des Handels direkt abgesprochen werden. Die Zahlungsseite muß man dagegen weiter mit London als dem Zentralpunkt für Sterling-Clearing (im Unterschied zum EPU-Clearing) treffen. Hier wird man erst noch die britischen Ausführungsbestimmungen für die Abgrenzung zwischen EPU und Sterling abwarten müssen. Dies könnte das notwendige zweiteilige Zahlungsabkommen zwischen Deutschland und dem Sterlingblock – erstens für EPU-Handel und zweitens für sonstigen Sterlingblock-Handel – etwas hinauszögern. Das aber ist nur noch Technik, nicht mehr Politik.