Kann man sich ein führendes Kulturland ohne literarische Zeitschriften vorstellen? Von den englischen Wochenschriften des frühen achtzehnten Jahrhunderts ging die Bewegung aus, die sich darin erfüllte, daß alle Schichten in die Teilnahme am geistigen Leben einbezogen wurden. Die literarische Kultur, um 1700 noch ein exklusives Vorrecht kleiner Kreise, mußte demokratisiert werden, damit die politische Demokratie durchdrang. Das wurde der englische Beitrag zur Vorbereitung und Abstützung des Massenzeitalters. Seitdem dies heraufgezogen ist, haben literarische Zeitschriften ihre Funktion gewandelt: sie wurden Plattformen für Führungsschichten von morgen, für Avantgarden, die ihre Entwürfe vor aufgeschlossenen, aber skeptischen Gebildeten bewahren sollten. Die meisten waren und sind kurzlebig, das liegt in der Natur der Sache; denn entweder dringen solche Entwürfe durch und bedürfen dann nicht mehr des interneren Studiums, oder sie versagen vor der Kritik der öffentlichen Meinung und finden dann kein Gehör mehr. Das Kommen und Gehen anspruchsvoller periodischer Publikationen gehört also zum Bilde der modernen Kultur im Massenzeitalter. Ungewöhnlich und ein warnendes Symptom ist es aber, wenn in einem Lande alle solche Versuchsorgane ausgehen und kein neues gebildet wird.

Das ist jetzt in England der Fall. Horizon und New Writing sind dem älteren Strand Magazine gefolgt und! erscheinen nicht mehr, World Review hat sich ganz der Politik zugewandt, und Leader ist in Picture Post, einer populären Illustrierten, aufgegangen. Weder für Essays noch für Novellen oder Gedichte gibt es danach in England heute noch ein Organ, das etwa den deutschen Zeitschriften "Gegenwart" und "Merkur" entspricht. Das ist um so mißlicher, als die englischen Tageszeitungen das "Feuilleton" niemals vom Kontinent übernommen haben und sich auf Rezensionen beschränken.

Es scheint, daß der Weg, der um 1700 beschritten wurde, zum Ziel geführt hat: der Entwicklung der Kultur in die Breite ist die Nivellierung gefolgt, das Gros ist zur Avantgarde aufgeschlossen und hat sie absorbiert. Mit anderen Worten: die Leserschicht, die von den literarischen Zeitschriften angesprochen wurde, ist der Ermüdung anheimgefallen.

Tua res agitur... In Deutschland ist es noch nicht ganz so weit, und man darf hoffen, daß das englische Beispiel, wenn es genugsam bekannt wird, einen heilsamen Schrecken hervorruft und den energischen Willen, dem deutschen Geistesleben schon das vorletzte Stadium der Nivellierung zu ersparen. C. E. L.