Im Februar 1945 in Jalta und am 6. Juni 1944, dem Tage der alliierten Invasion in der Normandie, verloren wir den Frieden, könnte man sagen..." Mit diesen Worten beginnt experte W. Baldwin, der glänzende Militärüberaus der New York Times, eine kurze, aber überaus schlagende Analyse (Great Mistakes of the War, Harper & Brothers, New York, 1,50 Dollar, 108 S.) der Ursachen, die nach dem Ende des Krieges fast hervorriefen. eine neue kriegsgefährliche Krise hervorriefen. Zwar gibt es heute schon eine umfangreiche Literatur in den USA, die tausend Beweise für die Fehler der amerikanischen Kriegführung erbracht hat. Es andern, aber das Buch Baldwins vor den meisten andern, zu denen auch die zahlreichen, zur Kritik oder zur Selbstverteidigung geschriebenen Memoirenwerke gehören, ganz besonders aus, daß darin die tausend Irrtümer auf einige wenige, ja schließlich auf einen einzigen Grundirrtum reduziert werden: "Wir haben für den unmittelbaren Sieg gekämpft, nicht für den darauf folgenden Frieden. Anders als die Engländer und die Russen hatten wir kein großes Ziel, kein allgemeines Konzept..."

"Unsere politischen Irrtümer während des zweiten Weltkrieges kosteten uns den Frieden. Die Engländer und die Russen dachten und kämpften im Hinblick auf die Welt nach dem Kriege; wir dachten und kämpften im Hinblick darauf, wie wir Deutschland und Japan jetzt schlagen könnten... Die USA, in anderen Worten, hatten keine Friedensziele; wir hatten nur eine ganz vage Idee von allgemeinen Grundsätzen (Atlantik Charta, UNO), von einer Nachkriegswelt, die wir wünschten..."

Bei der Durchführung dieser ziellosen Kriegführung, die einzig und allein darauf gerichtet war, den Feind zu schlagen, ging man nach Baldwin von vier grundlegenden Irrtümern aus: daß erstens das Politbüro nach Auflösung der Komintern auf die Weltrevolution verzichtet und sich auf freundliche Beziehungen zu den kapitalistischen Regierungen verlegt habe; daß zweitens "Joe" Stalin ein "guter Junge" sei, mit dem man auskommen könne, was hauptsächlich eine persönliche Auffassung Roosevelts war; daß drittens Rußland möglicherweise einen Separatfrieden mit Deutschland schließen könnte, und viertens endlich, daß die russische Teilnahme am Krieg gegen Japan entweder für den Sieg unerläßlich oder doch notwendig sei, um das Leben Tausender Amerikaner zu retten. – Alle diese Irrtümer sind heute durch Tatsachen aufgedeckt. Baldwin aber zeigt, daß sie bereits damals hätten durchschaut werden können und von manchen auch durchschaut worden sind.

Die Forderung nach der bedingungslosen Kapitulation, die nichts als "eine Einladung zum bedingungslosen Widerstand" war, nennt Baldwin "vielleicht den größten politischen Fehler des Krieges". Als ihren Autor weist er Roosevelt persönlich nach, der, obwohl selbst Stalin sich mit ihr niemals identifizierte, an ihr festhielt, weil er sie als eine Art Schlachtgeschrei für nötig hielt, vor allem aber, weil er damit die Russen überzeugen wollte, daß die Alliierten kein Kompromiß mit Hitler eingehen, sondern bis zum totalen Sieg fechten würden. Ebenso negativ beurteilt Baldwin die Weigerung Roosevelts (und seiner Generale), die von Churchill geforderte Balkan-Invasion durchzuführen, die, wenn nicht Südosteuropa, so doch Zentraleuropa vor dem Zugriff des Kommunismus geschützt haben würde. Doch –: "Die Engländer, trotz der großen Beredsamkeit Churchills, erreichten nichts; die amerikanische Strategie, herzlich gebilligt von den Russen, wurde das Programm des Sieges".

Zentraleuropa wurde noch ein zweites Mal verloren, damals nämlich, als die Amerikaner 1945 vor Berlin, vor Prag und vor Wien standen, aber nicht weitergingen, weil Eisenhower es für wichtiger hielt, einen letzten Widerstand im sogenannten Réduit, in den bayrischen und österreichischen Alpen, zu verhindern. Eisenhower teilte dies in einer persönlichen Botschaft Stalin mit, was einen heftigen, aber erfolglosen Protest Churchills in Washington hervorrief. Wien, Prag und Berlin wurden von den Russen besetzt, der Reduit aber entpuppte sich als ein leerer Propagandaschlager: "Churchill erwies sich in der Berlin-Frage abermals als ein schlauer alter Fuchs der internationalen Politik; seine Phantasie war durch die Bedürfnisse des Augenblicks nicht verdunkelt ..." Daß es nachträglich auch nicht gelang, einen Korridor nach dem in Zonen aufgeteilten Berlin zu erlangen, führt Baldwin auf die Auseinandersetzungen zwischen dem Kriegs- und Außenministerium zurück, In denen das erstere die Oberhand behielt.

Noch mehr Aktualität hat im Hinblick auf den Korea-Krieg die Untersuchung, die Baldwin der pazifischen Auseinandersetzung widmet. Im Grunde habe die romantische Auffassung der China-Frage, daß an die chinesische Regierung westliche Maßstäbe anzulegen seien, daß die Kommunisten friedliche Landreformer seien und anderes mehr, die amerikanische Politik auf endlose Irrwege geleitet, sowohl im Kriege als auch nach der japanischen Kapitulation. Der verhängnisvollste Fehler jedoch war der amerikanische Eifer, die Russen in den Fernostkrieg einzubeziehen. Das geschah in Jalta, also zu einem Zeitpunkt, als Intelligence-Berichte vorlagen, daß der japanische Widerstand rapid im Abnehmen sei. Freilich hatte man sich schon vorher, besonders seit dem Herbst 1944, damit befaßt, von den Sowjets die Erlaubnis für Start und Landung amerikanischer Bomber auf russischen Flugplätzen zu erlangen. Obgleich dies, wegen des Fortschritts der Pazifik-Offensive, zur Jalta-Zeit gar keine Rolle mehr spielte, wurde eifrig mit Stalin verhandelt, der schließlich zusagte, 90 Tage nach dem Kriegsende in Deutschland gegen Japan zu marschieren. Er bekam dafür die Kurilen, ganz Sachalin, eine 50prozentige Beteiligung an den mandschurischen Bahnen, ferner Port Arthur, einen russischen "Freihafen" in Dairen und die Anerkennung seiner strategischen Hegemonie in Nordostasien. Dieses Geschäft machte Stalin einige Tage vor dem japanischen Zusammenbruch perfekt. Auf der Halbinsel Korea trafen sich kurz darauf russische und amerikanische Truppen: der 38. Breitengrad, von dem aus fünf Jahre später der Satellitenkrieg begann, wurde als Grenze festgesetzt ...

Baldwin schrieb sein Buch einige Monate vordem Ausbruch des Korea-Krieges. Es hat fast den Anschein, als ob seine Mahnungen in einem gewissen Sinne Gehör gefunden hätten. Denn die Anordrungen, die Truman in diesen Tagen zur Wiederaufrüstung der USA getroffen hat, sehen nicht so aus, als ob sie nur dazu dienen sollten, den Korea-Krieg an Ort und Stelle zu führen. Diesmal hat man offenbar ein politisches Ziel im Auge. H. A.